Kriegskinder und das, was bis heute weiterwirkt

Vielleicht sitzen Sie gerade vor der Aufgabe, etwas über einen Menschen zu sagen, der über sich selbst nie viel gesagt hat.

Bei dieser Generation ist das der Normalfall. Wer zwischen 1930 und 1945 geboren wurde, hat als Kind Dinge gesehen, über die zu Hause danach nicht gesprochen wurde, und daraus gelernt, dass Weitermachen die Lösung ist. Geblieben sind Haltungen. Nichts wegwerfen. Nicht klagen. Keine Umstände machen. Immer eine Reserve im Schrank.

Diese Generation geht jetzt. Mit ihr gehen die letzten Menschen, die es selbst erlebt haben, und in vielen Familien fällt erst bei der Trauerfeier auf, wie wenig in all den Jahren voneinander bekannt war.

Hier geht es darum, was der Krieg mit dieser Generation gemacht hat, was davon bei Kindern und Enkeln angekommen ist, und wie sich das in einer Trauerrede erzählen lässt, ohne diesen Menschen zu einem Fall zu machen. In Biografien, die schwer waren. In Menschen, die keine Wahl hatten, als weiterzumachen. Und in Kindern, die diese Last mitgetragen haben, ohne zu wissen, woher sie kam.

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Wie Kriegstraumata bis heute wirken


Vielleicht erkennen Sie Ihre Mutter in ein paar dieser Sätze wieder.

Sie hat Essen nie weggeworfen. Sie hat sich nie krank gemeldet. Sie hat nie um Hilfe gebeten, auch mit 85 nicht, als das Treppensteigen nicht mehr ging. Bei Feuerwerk ist sie ins Haus gegangen. Über die eigene Kindheit gab es zwei Sätze, und danach kam: Ist doch alles lange her.

So sieht ein Krieg 80 Jahre später aus. Als Gewohnheit.

Diese Generation hat gelernt, dass Reden nichts bringt und Funktionieren alles. Damals stimmte das. Wer 1946 mit zwei Kindern vor einem zerstörten Haus stand, kam mit Gefühlen nicht weit, und wer sich am Morgen danach hingesetzt und geweint hätte, hätte am Abend nichts zu essen gehabt. Weitergegeben haben sie es trotzdem, an Kinder, die nie erfahren haben, warum zu Hause über bestimmte Dinge nicht geredet wurde. Es galt: Überleben. Funktionieren. Weitermachen.


Frauen als Trägerinnen dieser Last


Ich schreibe vor allem über Frauen, weil sie die Übriggebliebenen waren.

Die Männer waren gefallen oder früh gestorben, geblieben sind die Frauen. Sie haben die Kinder großgezogen, Arbeit gefunden, Haushalte geführt und Familien zusammengehalten, meistens ohne Sicherheit und fast immer, ohne dass jemand ihnen dafür gedankt hätte.

Manche sind daran zerbrochen. Andere haben ein Leben aufgebaut. Beides verdient Respekt.

Was mir in Trauergesprächen über diese Frauen erzählt wird, klingt fast immer ähnlich. Sie war hart. Sie hat nie geklagt. Und irgendwann, meistens gegen Ende des Gesprächs, kommt der Satz: Umarmt hat sie mich eigentlich nie.

Wer mit zwölf gelernt hat, dass Gefühle nicht satt machen, verlernt das Umarmen. Kälte ist etwas anderes.


Was das für eine Trauerrede bedeutet


Wenn ein Mensch dieser Generation stirbt, sitzen mir oft Kinder gegenüber, die erstaunlich wenig wissen. Sie kennen den Geburtsort, sie kennen das Wort Flucht, und sie kennen den Satz, dass darüber nicht gesprochen wurde. Was in diesen Jahren geschehen ist, hat ihre Mutter nie erzählt, auch mit achtzig nicht.

Manchmal taucht dann in einer alten Mappe eine Bescheinigung auf, ein Datum, ein Ortsname, und mit einem Mal ergibt eine lebenslange Eigenart einen Sinn. Warum sie kein Brot wegwerfen konnte.
Warum sie bei Feuerwerk in den Keller ging. Warum Nähe in dieser Familie schwer war.

In der
Trauerrede bekommt das einen Platz, und zwar als Zusammenhang. Eine Diagnose stelle ich nicht, und entschuldigen muss sich hier auch niemand. Für die Kinder verändert das etwas: Was sie als Kälte erlebt haben, war eine Überlebensform, die ihnen nie jemand erklärt hat. Diesen Satz einmal laut zu hören, am Grab, vor der ganzen Familie, nimmt vielen etwas ab, das sie seit Jahrzehnten mit sich herumtragen.


Was die Kinder und Enkel weitertragen


Die Weitergabe endet nicht bei denen, die dabei waren. Menschen, die in den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern geboren wurden, erkennen sich in bestimmten Dingen wieder. Sie haben Vorräte im Keller, die für drei Monate reichen, sie können keine Hilfe annehmen, und sie tragen ein Grundgefühl mit sich, dass Sicherheit jederzeit aufhören kann, ohne dass es dafür in ihrem eigenen Leben je einen Anlass gegeben hätte.

Vielen fällt das erst auf, wenn die Mutter stirbt. Im Trauergespräch kommt dann ein Satz wie: So war ich auch immer, und ich habe nie gewusst, warum.

Wer das vertiefen möchte, findet bei
Sabine Bode und Anne-Ev Ustorf fundierte und einfühlsame Auseinandersetzungen mit Kriegskindern, ihren Kindern und Enkeln und mit dem, was bis heute weiterwirkt.


Krieg ist keine abgeschlossene Vergangenheit


Vielleicht denken Sie, das alles sei Geschichte.

In Europa ist wieder Krieg. In Kitas und Schulen sitzen Kinder, die nichts dafür können und trotzdem alles mittragen. In 60 Jahren wird jemand für sie eine
Trauerrede halten, und ihre Kinder werden dann dasitzen und sich fragen, warum die Mutter nie über ihre Kindheit gesprochen hat.

Die Generation, um die es hier geht, hat sich das nicht ausgesucht. Sie hat die Folgen ein Leben lang getragen, und in den meisten Familien hat es nie jemand ausgesprochen.

Genau deshalb gehört es in eine
Trauerrede, als Zusammenhang, den bis dahin niemand benannt hat. Eine Anklage ist es nicht, und eine Erklärung für alles, was schwierig war, auch nicht.

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