Trauer begreifen und begleiten
Vier Monate ist es her, und Sie funktionieren wieder. Sie gehen arbeiten, Sie kochen, Sie lachen sogar manchmal. Und dann liegt im Supermarkt die Lieblingsmarmelade in Ihrer Hand, und Sie stehen im Gang und kommen nicht weiter.
Fast alle, mit denen ich spreche, stellen irgendwann dieselbe Frage: Ist das noch normal? Die Antwort lautet in aller Regel ja, und die Frage hat meistens denselben Ursprung. Irgendwer hat gesagt, nach einem halben Jahr sollte es besser werden. Irgendwo stand etwas von Phasen.
Hier geht es darum, was in der Trauer tatsächlich geschieht, warum die verbreiteten Modelle wenig taugen und was Menschen durch diese Zeit trägt.
Warum die Trauerphasen in die Irre führen
Ich müsste doch längst bei der Akzeptanz sein. Diesen Satz höre ich oft, und meistens folgt gleich der nächste: Ich bin immer noch wütend,
stimmt etwas nicht mit mir?
Dahinter steht eine Einteilung von Elisabeth Kübler-Ross: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. Fast immer bleibt dabei unerwähnt, woher diese Beobachtungen stammen. Von Sterbenden, nicht von Hinterbliebenen. Es ging um Menschen, die vor dem eigenen Tod standen.
Auf Trauernde übertragen wurde daraus ein Ablaufplan mit fünf Stationen. Wer nach anderthalb Jahren immer noch bei Station zwei steht, hält sich seitdem für einen Fall von Verzögerung.
Trauer kommt in Wellen, zu unpassenden Zeiten, mit Rückschritten, die keine sind. Die Trauerforschung beschreibt heute zwei Bewegungen, zwischen denen Trauernde hin und her pendeln. Hin zum Verlust, wenn sie weinen, erinnern, den Schrank noch nicht ausräumen. Und weg davon, wenn sie arbeiten, planen, mit anderen lachen. Beides an einem einzigen Tag ist der Normalfall und kein Widerspruch.
Bei Kindern sieht es noch einmal anders aus. Sie trauern in kurzen Stößen
und spielen dazwischen weiter, was Erwachsene manchmal für Gleichgültigkeit halten.
Was Trauer mit dem Körper macht
Trauer sitzt im ganzen Körper, und die meisten Menschen sind darauf nicht gefasst.
Der Schlaf geht als Erstes. Dann die Konzentration. Menschen lesen dieselbe Seite dreimal, verlegen den Autoschlüssel, verlieren mitten im Satz das Wort. Manche vergessen zu essen, andere essen ununterbrochen. Der Rücken schmerzt, die Brust ist eng, das Herz stolpert, und in der Praxis findet sich nichts.
Das ist weder Versagen noch Schwäche. Der Körper arbeitet an etwas, das der Kopf noch nicht sortiert bekommt. Eines gehört trotzdem dazu: Wenn Beschwerden bleiben, lassen Sie sie abklären. Trauer erklärt vieles, aber sie erklärt nicht alles.
Das erste Jahr, und warum das zweite oft schwerer ist
Im ersten Jahr kommt alles zum ersten Mal.
Der erste Geburtstag ohne ihn, das erste Weihnachten, der erste Hochzeitstag, schließlich der Todestag selbst. Diese Termine sind schwer, aber sie kündigen sich an. Darauf können Sie sich einstellen.
Das zweite Jahr überrascht viele, weil es unerwartet schwerer wird. Die Beileidskarten sind weggeräumt, die Anrufe seltener, das Umfeld geht davon aus, die Sache sei überstanden. Gleichzeitig lässt die Betäubung der ersten Monate nach, und die Endgültigkeit kommt in voller Größe an. Manche brechen genau dann zusammen und schämen sich dafür.
Wer jemanden begleiten möchte, merkt sich am besten den November des zweiten Jahres. Dieser Anruf trägt weiter als jeder in der Woche nach der Beerdigung.
Wenn die Trauer nicht weitergeht
Bei den allermeisten Menschen verändert sich Trauer mit der Zeit von selbst. Sie wird tragbar, ohne dass sie verschwindet.
Bei einem kleinen Teil geschieht das nicht. Wenn nach mehr als einem halben Jahr die Sehnsucht unvermindert überwältigend ist, der Alltag nicht wieder anspringt und das Leben stehen bleibt, gibt es dafür seit 2022 einen eigenen Namen in der internationalen Klassifikation der Krankheiten: die anhaltende Trauerstörung. Sie betrifft nach den vorliegenden Untersuchungen wenige Prozent der Trauernden, und sie lässt sich behandeln.
Das zu wissen nimmt Druck. Wer nicht weiterkommt, ist weder schwach noch untröstlich veranlagt. Dafür gibt es Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Erfahrung in diesem Bereich, und der Weg dorthin führt über die Hausarztpraxis. Meine Arbeit ist Trauerbegleitung, keine Therapie. Wenn ich merke, dass jemand Letzteres braucht, sage ich es.
Was Sie selbst tun können
Trauerarbeit ist ein irreführendes Wort. Es klingt nach einer Aufgabe mit Abgabetermin.
Was hilft, ist unspektakulär. Ein Tagesablauf, der nicht davon abhängt, wie Sie sich gerade fühlen: aufstehen, rausgehen, einmal am Tag etwas Warmes essen. Bewegung, weil der Körper etwas zu tun braucht mit dem, was in ihm steckt. Aufschreiben, wenn Sprechen zu schwer ist, Briefe an den Verstorbenen eingeschlossen, die niemand je lesen wird.
Was nicht hilft, sind Angebote, die versprechen, das Ganze abzukürzen, Trauer-Apps und KI-Avatare eingeschlossen. Warum das eher schadet, steht auf
meiner Seite über Grief Tech.
Und dann ist da die Erlaubnis, zwischendurch gut gelaunt zu sein. Viele erschrecken über den ersten Abend, an dem sie herzhaft gelacht haben, und halten es für Verrat. Es ist keiner. Es ist das erste Anzeichen, dass Sie diesen Verlust überleben werden.
Was Trauer im Kern ist
Wenn ich es in einem Satz sagen soll: Trauer ist heimatlose Liebe, Liebe die ihren Adressaten verloren hat. Das Gefühl ist unverändert da, mit derselben Kraft wie vorher. Nur der Mensch, für den es bestimmt war, ist nicht mehr erreichbar.
Deshalb hört Trauer nie ganz auf, und deshalb sollte sie es auch nicht. Was sich verändert, ist der Ort, an den diese Liebe geht. Sie sucht sich eine neue Bleibe. In Erinnerungen, in Erzählungen, in einem Rezept, das weitergekocht wird, in einem Namen, der an ein Enkelkind weitergeht.
Wie ich Sie begleite
Trauerbegleitung
heißt bei mir: Zeit, in der Sie nichts leisten müssen. Kein Programm, keine Übungen, keine Phasen zum Abhaken.
Möglich ist das persönlich in der Metropolregion Rhein-Neckar, in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Hessen, per Telefon oder per Videocall. Vor einer
Trauerfeier, wenn Sie überlegen, wie der Abschied aussehen soll. Und lange danach, wenn niemand mehr fragt.
Anrufen
können Sie auch dann, wenn Sie noch nicht wissen, worüber Sie sprechen möchten.
Weitere Unterstützung
Wenn Sie sich zusätzliche Unterstützung wünschen, können Ihnen auch folgende Organisationen helfen:
Quellen:







