Schwierige Trauerreden: wenn nicht alles heil war
Es gibt Anrufe, die anders anfangen als die meisten. Jemand räuspert sich und sagt: Ich weiß nicht, ob Sie so etwas überhaupt machen. Mein Vater und ich hatten zwölf Jahre keinen Kontakt. Oder: Meine Mutter war keine gute Mutter. Oder: Ehrlich gesagt weiß bei uns niemand, wer am Mittwoch reden soll, weil keiner von uns einen freundlichen Satz zusammenbringt.
Wenn Sie so anfangen, sind Sie bei mir richtig. Für eine Trauerrede genügt es, dass dieser Mensch gelebt hat. Heil muss dieses Leben nicht gewesen sein, und die wenigsten sind es.
Auf dieser Seite geht es um die Abschiede, bei denen zwischen den Menschen etwas offen geblieben ist.
Was ist, wenn es nichts Schönes zu sagen gibt
Diese Sorge höre ich oft im
Trauergespräch. Wenn ich nachfrage, kommt fast immer dasselbe heraus: Ich kann die Sätze nicht sagen, die auf
Trauerfeiern
gesagt werden. Er war ein herzensguter Mensch. Sie war immer für uns da. Wenn das nicht stimmt, klingt es in der Kapelle wie Hohn, und jeder im Raum weiß es.
Ein Leben lässt sich auch ohne diese Sätze erzählen. Was war dieser Mensch, wenn er kein leichter Mensch war? Woher kam das? Wer hat ihn geprägt, bevor er andere geprägt hat? Ein Vater, der nie ein Wort des Lobes fand, hatte oft selbst einen, der es nicht konnte. Damit ist nichts entschuldigt. Es wird nur verständlich, und Verständlichkeit ist manchmal alles, was zwischen Ihnen beiden noch möglich ist.
Am Ende steht ein Mensch da, den die Trauergemeinde wiedererkennt, mit allem, was er war. Das trägt weiter als jede geglättete Fassung.
Wenn die Familie sich nicht einig ist
Manchmal will die eine Tochter, dass endlich alles gesagt wird, und der Sohn will, dass kein Wort davon fällt. Beide haben recht, jeder aus seinem Leben heraus. Und beide sitzen am Mittwoch in derselben Reihe.
Eine
Trauerrede
ist kein Ort, an dem ein Familienstreit entschieden wird. Für einen Standpunkt einspannen lasse ich mich nicht, auch dann nicht, wenn er mir näher liegt als der andere. Ich suche die Ebene darunter, also das, was alle wissen, auch wenn sie es verschieden bewerten. Dass er getrunken hat, wissen alle. Ob er deshalb ein schlechter Vater war, darüber wird diese Familie nie einig, und sie muss es auch nicht werden.
An dieser Ebene entlang entsteht eine Trauerrede, die niemanden verrät und niemandem widerspricht.
Was Sie mir erzählen, und was davon vorkommt
Vielleicht halten Sie im Gespräch etwas zurück, weil Sie nicht wollen, dass es am Mittwoch in der Trauerrede erwähnt wird.
Das müssen Sie nicht. Erzählen Sie mir ruhig auch das, was niemanden etwas angeht. Ich brauche es, um diesen Menschen zu verstehen, und verstehen ist etwas anderes als erzählen. Das meiste von dem, was ich höre, kommt in keiner Trauerrede vor und ist trotzdem darin spürbar, weil es meine Wortwahl und meinen Ton verändert.
Was hineingehört, entscheiden Sie. Wir gehen das gemeinsam durch, und ich halte mich daran. Was bei uns bleibt, bleibt bei uns.
Wenn Sie unsicher sind, sagen Sie es mir trotzdem, mit dem Zusatz, dass Sie noch nicht wissen, ob es in die Trauerrede gehört. Dann entscheiden wir es später. Das ist besser, als wenn Sie es jetzt für sich behalten und es hinterher fehlt.
Wenn jemand im Raum sitzt, dem dieser Mensch geschadet hat
Vielleicht sind Sie das selbst, und deshalb wollen Sie diese Trauerfeier gar nicht.
Ich habe eine Trauerrede für eine Mutter gehalten, deren Sohn keine Trauerfeier wollte. Die Familie hat ihn überredet. In diesem Haus hatte es Gewalt gegeben. Sie ging vom Vater aus und traf die Kinder und die Mutter. Die Mutter hat ihre Kinder nicht geschützt. Sie hat es nicht einmal versucht. Was sie umtrieb, war die Frage, ob die Nachbarn etwas merken. Wenn etwas an ihr zu sehen war, wie blaue Flecken, ging sie tagelang nicht aus dem Haus.
Am meisten hat der Sohn abbekommen. Als Teenager fing er an, sich vor seine Schwester und vor seine Mutter zu stellen. Das ist ihm gelungen, und er hat dafür bezahlt. Der Vater war lange vor der Mutter gestorben. Sie hat bis zuletzt nicht eingesehen, dass sie eine Verantwortung hatte, und ihm gesagt, er sei eben aufmüpfig gewesen, sonst wäre weniger passiert.
Das Gespräch mit ihm war eines der längsten, die ich geführt habe. Die Trauerfeier war eine der kürzesten.
Wir haben lange darüber gesprochen, was hineingehört und was nicht. Ich sage in solchen Gesprächen nicht zu, wie ein Satz später lauten wird, weil ich das selbst erst beim Schreiben weiß. Wir haben uns auf einen groben Rahmen geeinigt, und daran habe ich mich gehalten.
Hinterher hat er sich bedankt und mir fest die Hand gedrückt. Er war kein Mensch, der jemanden in den Arm nimmt.
Wenn kaum jemand kommt
Ich habe eine Trauerrede vor einer leeren Halle gehalten. Das war eine der schwersten, die ich je gehalten habe.
Gehalten habe ich sie trotzdem, in voller Länge, mit derselben Sorgfalt wie vor zweihundert Menschen. Die Würde eines Menschen hängt nicht davon ab, wie viele Stühle besetzt sind. Wer allein gestorben ist, war nicht immer allein. Irgendwann hat dieser Mensch jemanden geliebt, irgendwo hat er gefehlt, irgendetwas hat er hinterlassen. Das gehört ausgesprochen, ob zwei Menschen zuhören oder zweihundert.
Wenn die Art des Todes das Schwere ist
Manchmal ist es die Art des Todes, die alles schwer macht. Ein Mensch, der durch Suizid gestorben ist, ein Kind, das tot zur Welt kam, ein Unfall, der niemandem die Gelegenheit gelassen hat, sich zu verabschieden.
Solche Abschiede brauchen eine eigene Sprache, und sie brauchen jemanden, die vorher weiß, welche Wörter verletzen. Über den
Umgang mit Suizid
und über
Sternenkinder
schreibe ich an anderer Stelle ausführlich.
Wenn Sie unsicher sind, ob Sie anrufen sollen
Beweisen oder rechtfertigen müssen Sie mir nichts. Es genügt der Satz: Es ist kompliziert. Den Rest besprechen wir in Ruhe, am Telefon, per Video oder bei Ihnen zu Hause, in der Metropolregion Rhein-Neckar und darüber hinaus.
Und wenn Sie nach der Trauerfeier merken, dass da noch etwas offen ist:
Trauerbegleitung
gehört genauso zu meiner Arbeit. Gerade bei diesen Abschieden hört es am Grab nicht auf.






