Grief Tech: wenn die Stimme des Verstorbenen antwortet

Es ist drei Uhr nachts, zwei Wochen nach der Beerdigung. Sie liegen wach, und im Telefon wartet ein Angebot, das verspricht, mit der Stimme Ihrer Mutter zu antworten. Ein paar Sprachnachrichten hochladen, ein paar Fotos, und die Stimme ist wieder da.

Dass Menschen danach greifen, verstehe ich vollkommen. Der Wunsch, noch einmal zu hören, wie dieser Mensch den eigenen Namen ausspricht, ist so alt wie die Trauer. Neu ist, dass es inzwischen jemanden gibt, der ihn verkauft.

Warum dieser Wunsch so verständlich ist


In den ersten Wochen sucht fast jeder nach etwas, das den Schmerz kleiner macht. Manche fahren nachts zum Friedhof. Manche schlafen im Pullover des Verstorbenen. Manche wählen die alte Nummer, nur um die Mailboxansage zu hören. Das alles sind Versuche, eine Verbindung zu halten, die abgerissen ist, und krankhaft ist daran nichts.

Genau hier setzt Grief Tech an, und
deshalb funktioniert dieser Markt. Versprochen wird mehr Verbindung als vorher: eine Stimme, die zurückspricht, ein Gesicht, das reagiert, ein Chat, der nie müde wird. Der Pullover und die Mailboxansage bleiben dabei stumm, sie sind einfach da. Der Avatar dagegen erfindet.


Was ein Avatar tatsächlich erzeugt


Ein Sprachmodell weiß nicht, wer Ihre Mutter war. Es hat Sprachnachrichten, Textnachrichten, vielleicht Videos, und daraus errechnet es, welcher Satz als Nächstes wahrscheinlich ist. Was herauskommt, klingt nach ihr. Gesagt hat sie es nie.

Da beginnt der Schaden.
Erinnerung ist kein Archiv, aus dem Sie etwas unverändert hervorholen. Sie verändert sich bei jedem Mal ein wenig. Mischen sich Sätze hinein, die nie gefallen sind, verschiebt sich mit der Zeit das ganze Bild. Nach einem Jahr wissen Sie womöglich nicht mehr sicher, ob Ihre Mutter den einen tröstlichen Satz wirklich gesagt hat oder ob eine Maschine ihn für Sie erzeugt hat. Genommen wird Ihnen ausgerechnet das, was Sie behalten wollten.


Technik nutze ich selbst: meine handschriftlichen Notizen aus dem Trauergespräch lasse ich mir von einem KI-Programm sortieren, und beim Schreiben hilft es mir, die Reihenfolge zu finden. Erfunden wird dabei nichts, jedes Wort über Ihren Menschen stammt aus Ihrem Mund, und die letzte Fassung schreibe immer ich.


Wenn Kinder mit einem Avatar sprechen


Bei Kindern wiegt das schwerer. Ein Kind unter sechs Jahren begreift die Endgültigkeit des Todes noch nicht, und wenn Mama am Tablet antwortet, gibt es keinen Anlass, sie zu begreifen. Kinder brauchen in der Trauer wahre, klare Sätze. Sie kommt nicht wieder. Sie hat dich sehr geliebt. Ein Avatar sagt das Gegenteil, ohne ein einziges Wort dazu zu verlieren: sie ist da, sie hört dir zu, verabschieden musst du dich nicht.

Was Kinder stattdessen brauchen, sind
Erwachsene, die die Wahrheit aushalten und sie in Worte fassen, die zum Alter passen.


Wenn der Arbeitgeber es anbietet


Anders wird es, sobald jemand Ihnen Grief Tech von sich aus anbietet. Inzwischen taucht es in den Zusatzleistungen von Unternehmen auf, zwischen Fahrradleasing und Zahnzusatzversicherung. Sie kommen nach dem Tod Ihres Vaters zurück an den Schreibtisch, und in der Mailbox liegt ein Zugangscode für eine Trauer App, freundlich gemeint, von der Personalabteilung.

Darin steckt eine Aussage über den Umgang mit Trauer in diesem Haus: Bitte kümmere dich woanders darum. Wer trauert, braucht Zeit, eine Vertretung für das Dringende und Kolleginnen und Kollegen, die nicht die Straßenseite wechseln. Eine Lizenz für eine App steht auf dieser Liste nirgends.


Was mit den Daten geschieht


Um einen Avatar zu erstellen, laden Sie hoch, was von diesem Menschen übrig ist. Die Sprachnachrichten, in denen er noch lacht. Die Fotos. Das Video vom letzten Geburtstag. Ganze Chatverläufe, in denen alles steht, auch das, was niemanden etwas angeht.

Wem das anschließend gehört, regeln
Nutzungsbedingungen, die kaum jemand liest. Was damit passiert, wenn der Anbieter in drei Jahren verkauft wird oder verschwindet, steht dort meistens überhaupt nicht.

Und der Mensch, um den es geht, kann dem nicht widersprechen. Er hat nie zugestimmt, dass seine Stimme zu Trainingsmaterial wird.


Was die Forschung dazu sagt


Wer nachts mit einem Avatar spricht, weiß meistens genau, dass es nicht echt ist. Die Frage, die trotzdem kommt, lautet: Schadet mir das eigentlich?

Ehrliche Antwort: Die Forschung dazu ist jung, und wer sie als eindeutig ausgibt, verkauft meistens noch etwas anderes. In eine Richtung deutet sie trotzdem. Katrin Döveling und Elisabeth Griesbeck, die sich beide mit den psychologischen Wirkungen von Grief Tech befassen, beschreiben denselben Kern: Eine KI erzeugt etwas Neues, das so nie stattgefunden hat, und legt es neben das, woran Sie sich wirklich erinnern. An der Universität Tübingen wird darüber hinaus untersucht, was digitale Unsterblichkeit mit unserem Verhältnis zum Tod anstellt.

Dazu kommt, was die Trauerforschung seit Langem beschreibt. Trauernde bauen die Beziehung zu einem verstorbenen Menschen um, statt sie abzubrechen. Der Mensch bekommt einen anderen Platz im Leben, weiter weg und trotzdem da. Ein Avatar hält den alten Platz besetzt.

Was die einzelnen Fachleute genau sagen,
habe ich mit allen Quellen in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben.


Was in der Trauer tatsächlich trägt


Was hilft, lässt sich nicht kaufen und klingt aufgeschrieben fast enttäuschend. Ein Mensch, der zuhört, ohne nach zehn Minuten eine Lösung anzubieten. Jemand, der den Namen des Verstorbenen ausspricht, statt ihn zu umgehen. Ein Nachmittag, an dem alte Fotos auf dem Tisch liegen und jemand fragt: Und wer ist das da links?

In meiner Arbeit ist es oft der Moment, in dem jemand mitten im Satz abbricht und weint, und ich nichts sage und nicht weitermache. Ein Chatbot würde an dieser Stelle etwas Tröstliches formulieren, sofort und fehlerfrei. Genau das wäre falsch.


Wenn Sie es schon ausprobiert haben


Dann ist nichts kaputt. Es heißt, dass Sie gesucht haben, nachts, allein, mit dem, was gerade greifbar war. Einen Vorwurf hat Ihnen dafür niemand zu machen.

Vielleicht spüren Sie selbst, dass diese Gespräche Sie leerer zurücklassen als vorher. Das ist ein guter Moment, sie sein zu lassen und einen Menschen anzurufen.


Wenn Sie einen Menschen suchen


Trauerbegleitung bedeutet bei mir Zeit, die nicht getaktet ist. Persönlich in der Metropolregion Rhein-Neckar, per Telefon oder per Videocall, wenn Sie weiter weg wohnen oder das Haus gerade nicht verlassen möchten. Und wenn eine Trauerfeier bevorsteht, entsteht die Trauerrede in einem Gespräch mit Ihnen, an einem Tisch, mit Kaffee und Taschentüchern..

Daneben gibt es Angebote, die nichts kosten und die ich guten Gewissens nenne: die
Trauerbegleitung der Malteser, die Online Trauerberatung der Caritas, Trauergruppen in Ihrer Stadt.


Referenzen

Texte zum Weiterlesen

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