Eine Trauerrede vor leerer Halle: Abschied nehmen, auch wenn niemand kommt

Patricia Rind

Eine Trauerfeier ohne Gäste

Leere Stuhlreihen in einer großen Trauerhalle, Schwarzweißfotografie, Blick zum Podium, gedämpftes Seitenlicht

Was passiert eigentlich, wenn zur Trauerfeier niemand kommt? Eine Trauerfeier ohne Gäste kommt in kaum einer Vorstellung vor, und doch beschäftigt diese Frage manche Familien sehr, weil ihr Mensch einsam gestorben ist, weil kaum noch Kontakte da waren oder weil sie selbst nicht wissen, ob sie die Kraft haben hinzugehen.

Mir ist es passiert. Als freie Trauerrednerin in der Metropolregion Rhein-Neckar halte ich Trauerreden in Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg und weit darüber hinaus, vor vollen Hallen und vor einer Handvoll Menschen. Einmal stand ich in einer Trauerhalle, in der außer mir nur der Bestatter, der Friedhofsmitarbeiter und der Organist waren. Die Familie hatte kurz vorher abgesagt, und sonst kam niemand.

Gesprochen habe ich trotzdem. Diese Trauerrede vor leerer Halle hat mir gezeigt, für wen eine Trauerrede eigentlich da ist, und sie hat mir gezeigt, wie viel es bedeuten kann, wenn sich zwei Menschen einfach in eine leere Stuhlreihe setzen.


Inhalte


  1. Eine Trauerfeier, die ich nie vergessen werde
  2. Ein Mann, den kaum jemand kannte
  3. Beruflicher Erfolg als einziger Maßstab
  4. Die Nachricht auf dem Weg zur Trauerhalle
  5. Die leere Halle und die Entscheidung
  6. Würde gilt auch, wenn niemand kommt
  7. Immer noch die richtige Entscheidung

Eine Trauerfeier, die ich nie vergessen werde


Der Anruf kam vom Sohn. Es war einer dieser Anrufe, bei denen ich von Anfang an spüre, dass hinter der Bitte um eine
Trauerrede mehr steckt, mehr Schwere und mehr Ungesagtes. Ich höre das an den kleinen Pausen, an dem, was jemand sagt, und an dem, was er noch nicht sagen kann.

Mit ihm habe ich auch das
Trauergespräch geführt, nur mit ihm. Sein Vater war gestorben, allein, und außer dem Sohn gab es niemanden mehr, der mir von diesem Mann hätte erzählen können. Was er erzählte, war schwer. Er hat es trotzdem erzählt, und ich habe zugehört.

Wenn Sie gerade für einen Menschen eine
Trauerfeier planen, bei dem Sie selbst nicht wissen, was Sie fühlen sollen, kennen Sie diese Pausen vielleicht von sich selbst. Im Trauergespräch müssen Sie nichts glätten. Erzählen Sie mir, wie es war.

Ein Mann, den kaum jemand kannte


Nach außen wirkte sein Leben beeindruckend. Er war beruflich sehr erfolgreich, und Erfolg war für ihn kein Nebenprodukt. Er war der Maßstab, der einzige, nach dem er sich selbst und andere maß. Wer in seiner Welt Anerkennung verdiente, hatte sie sich durch Leistung verdient.

Seine Ehe war an seinen vielen Affären gescheitert, und auch die Frauen, die danach kamen, gaben ihm keinen Halt. Echte Freundschaften hatte er nicht. Menschen, die ihn jenseits seiner Erfolge kannten, gab es keine.

Sein Sohn war ebenfalls beruflich sehr erfolgreich, nur in einem anderen Bereich als der Vater. Das reichte, um ihn in den Augen des Vaters dauerhaft zu entwerten. Der Erfolg des Sohnes zählte nicht, weil es in den Augen des Vaters der falsche Erfolg war. So eine Zurückweisung lässt sich mit keinem Gespräch klären. Sie schichtet sich über Jahre auf.

Die Mutter des Sohnes war inzwischen ebenfalls gestorben. Der Sohn hatte zwei erwachsene Kinder, und ihr Großvater hatte sie nie gesehen. Zur Hochzeit seines Sohnes war er nicht gekommen. Die Schwiegertochter hatte er ein einziges Mal getroffen, kurz vor der Hochzeit, und ihr unverhohlen zu verstehen gegeben, dass sie nicht seinen Vorstellungen entsprach.

Wer so einen Vater hatte, oder so eine Mutter, steht nach dem Tod vor einer eigenen Frage: Muss ich da jetzt hin? Eine Antwort, die für alle stimmt, gibt es darauf nicht. Es gibt nur Ihre.

Beruflicher Erfolg als einziger Maßstab


Was bleibt von einem Leben, das nur in Leistung gemessen wurde? Bei diesem Mann blieb vor allem eine Geschichte, die ich in dieser Form vorher noch nie gehört hatte.

Wenige Jahre vor seinem Tod verklagte der Vater seinen Sohn, erfolgreich, auf eine hohe sechsstellige Summe. Er forderte die Kosten zurück, die er angeblich für das Studium seines Sohnes aufgebracht hatte. Was ein Vater seinem Kind gegeben hatte, wurde vor Gericht zu einer Schuld. Der Sohn zahlte.

Dann starb der Vater, und der Sohn war sein einziger Erbe. Er erbte das beträchtliche Vermögen, und mit ihm die Summe, die er wenige Jahre zuvor hatte zahlen müssen. Eine Geste der Versöhnung war das nicht und auch kein spätes Eingeständnis. Es gab einfach niemanden sonst.

Wer so einen Vater verliert, trauert um etwas, das nie da war, um den Vater, den er gebraucht hätte. Diese
Trauer ist schwerer einzuordnen als die Trauer um einen geliebten Menschen, den jemand vermisst, und sie hat genauso ihr Recht.

Mit genau dieser Geschichte habe ich die
Trauerrede geschrieben, mit Sorgfalt und mit Ehrlichkeit, ohne zu verurteilen und ohne etwas zu beschönigen. Auch dieser Mann hatte ein Leben gelebt. Auch er verdiente Worte. Eine Vorlage hätte hier nichts getaugt, jede Trauerrede ist bei mir ein Unikat. Was eine Trauerrede mal anders ausmacht, habe ich in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben.

Die Nachricht auf dem Weg zur Trauerhalle


Am Tag einer Trauerfeier bin ich immer früh da, mindestens eine halbe Stunde vorher. Meistens sind dann schon die ersten Trauergäste da, und die Familie fast immer.

An diesem Tag hörte ich unterwegs im Auto eine Nachricht auf meinem Smartphone. Drangehen konnte ich nicht, ich fuhr ja. Kommt aber kurz vor einer Trauerfeier eine Nachricht, schaue ich so schnell wie möglich nach, weil es oft jemand aus der Familie ist, die noch eine Frage hat oder ein Anliegen. Also hielt ich bei der nächsten Gelegenheit an.

Die Nachricht war vom Sohn. Er und seine Familie würden nicht kommen, sie schafften es einfach nicht. Er entschuldigte sich, wünschte mir alles Gute und bedankte sich.

Verstanden habe ich ihn sofort. Ein Mensch, der jahrelang verletzt worden war, der vor Gericht gezerrt worden war und nie wirklich einen Vater gehabt hatte, hatte an diesem Tag nicht die Kraft, in einer Trauerhalle zu sitzen. Trauer zeigt sich nicht immer so, wie andere es erwarten. Manchmal zeigt sie sich im Fernbleiben.

In der Trauerhalle traf ich den Bestatter. Wir kannten uns sehr gut, und während wir warteten, plauderten wir ein bisschen, natürlich auch über die Absage. Etwa eine Viertelstunde später kam ein Friedhofsmitarbeiter vorbei und sagte, da sei kein Mensch, weder drinnen noch draußen. Ich erzählte ihm, dass der Sohn für sich und seine Familie abgesagt hatte. Da hatten wir alle schon ein komisches Gefühl.

„Vielleicht kommt gar niemand“, sagte der Friedhofsmitarbeiter. „Nee, irgendjemand kommt immer“, sagte der Bestatter, und er hatte über 30 Jahre Berufserfahrung. Also dachte ich das auch. Irgendjemand wird ja wohl kommen.

Die leere Halle und die Entscheidung


Etwa 5 Minuten vor Beginn kam der Organist. Er wolle jetzt gleich anfangen, sagte er, aber draußen sei niemand, ob er trotzdem spielen solle. Da standen wir zu viert, der Organist, der Friedhofsmitarbeiter, der Bestatter und ich, ein bisschen wie begossene Pudel. Wir waren alle ratlos.

„Warte noch einen Moment, bevor du hochgehst“, sagte der Friedhofsmitarbeiter zum Organisten, der für die Orgel auf die Empore hinauf musste. Wir schauten immer wieder nach draußen. Da war niemand. Dann war es Zeit für die Trauerfeier, und da war immer noch niemand. Wir standen noch 3 oder 4 Minuten herum.

„Sollen wir das lassen?“, fragte der Friedhofsmitarbeiter. „Ja, denk ich langsam auch“, sagte der Bestatter. „Warten wir noch 5 Minuten, und dann lassen wir’s.“ Der Organist war schon fast zur Tür hinaus.

Da habe ich ihn zurückgerufen. „Moment.“ Dann habe ich alle angeschaut und gesagt: „Das können wir doch nicht machen. Da drinnen stehen die Urne und die Blumen. Ich bin engagiert worden, der Organist ist engagiert worden, alles ist geplant. Er war kein netter Mensch, aber wir können das doch nicht einfach so machen. Wir können ihn doch nicht einfach so gehen lassen.“

Der Bestatter sah mich an. „Willst du jetzt trotzdem die Trauerrede halten?“ Ich sagte Ja, und groß darüber nachgedacht habe ich in dem Moment nicht mehr. Der Organist rollte ein bisschen mit den Augen und zuckte mit den Schultern. Dann ging er hinauf und fing an zu spielen. Bach.

Vorne am Rednerpult fing ich an zu sprechen, in eine leere Halle. Die ganze Zeit habe ich noch gehofft, dass irgendjemand kommt, verspätet, aber da. Es kam niemand.

Nach ungefähr 5 Minuten kamen der Bestatter und seine Kollegin herein und setzten sich. Das fand ich sehr nett. Ab dann war wenigstens irgendjemand in dieser Trauerhalle.

Am Ende spielte der Organist noch einmal Bach. Danach bin ich mit dem Friedhofsmitarbeiter im Regen allein zum Grab gegangen. Er hat die Urne hinabgelassen, und ich habe das Vaterunser gesprochen, das sich der Sohn gewünscht hatte, obwohl er nicht da war, um es zu hören.

Würde gilt auch, wenn niemand kommt


Was soll das bringen, wenn niemand zuhört? So ähnlich haben an diesem Tag alle um mich herum gedacht, und es ist eine ehrliche Frage.

Als ich zur Trauerhalle zurückkam, sagte der Bestatter zu mir: „Du bist verrückt. Aber irgendwie war das schon ganz gut.“ Der Friedhofsmitarbeiter erzählte dann von einem Kollegen, den er vor langer Zeit gehabt hatte. Der konnte wunderbar singen, und bei Beerdigungen, zu denen kaum jemand kam, ging er oft hinten auf die Empore und sang ganz spontan ein Kirchenlied. Dass gar niemand gekommen war und trotzdem eine
Trauerfeier gehalten wurde, das hatte der Friedhofsmitarbeiter noch nie erlebt.

Für mich gehört Würde jedem Menschen. Sie ist kein Privileg derer, die ein gutes Leben geführt haben, die geliebt wurden und um die eine Familie trauert. Sie gehört auch denen, die andere verletzt haben, und denen, zu deren
Beerdigung niemand kommt.

Das ist keine leichte Überzeugung. Sie verlangt, dass ich auch dann für einen Menschen spreche, wenn mir seine Geschichte schwerfällt, und dass ich auch dann in eine leere Halle spreche, wenn niemand zuhört.

Über den Sohn urteile ich nicht. Er hatte seine Gründe, und sie waren real. Ahnen Sie selbst schon, dass Sie es am Tag der Trauerfeier nicht schaffen werden, dann sagen Sie es mir, gerne auch vorher. Dafür muss sich niemand schämen. Ihr Mensch bekommt trotzdem seinen Abschied.

Immer noch die richtige Entscheidung


Würde ich es wieder so machen? Ja, sofort. Einfach war die Entscheidung nicht, und erwartet hat sie an diesem Tag auch niemand von mir. Richtig war sie trotzdem.

An diesem Tag habe ich verstanden, dass eine Trauerrede auch dem Menschen gilt, über den sie spricht. Sie sagt, dass sein Leben gesehen wurde und einen Platz in der Welt hatte, auch wenn dieser Platz am Ende sehr klein geworden war.

Manchmal braucht ein Abschied viele Worte und viel Musik. Und manchmal braucht er einfach jemanden, die bleibt und spricht, auch wenn niemand zuhört.

Bereiten Sie gerade eine Trauerfeier für einen schwierigen Menschen vor und wissen nicht, wer kommen wird, oder ob Sie selbst es schaffen? Dann
rufen Sie mich an. Als freie Trauerrednerin bin ich in der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar für Sie da, in Mannheim und Ludwigshafen genauso wie in Heidelberg, Speyer oder Worms, und die Trauerfeier planen wir so, wie sie zu Ihrer Geschichte passt, ob die Halle voll ist oder leer.

Und wenn Sie danach jemanden brauchen, mit dem Sie über diesen Menschen sprechen können, begleite ich Sie in der Trauerbegleitung, persönlich, am Telefon oder per Videocall.

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