Wenn Trauer überfordert
Wenn zur Trauer die Angst kommt

Vielleicht sind Sie an dem Punkt, an dem die Trauer nicht mehr das größte Problem ist.
Ich habe eine Frau begleitet, deren Mann nach einer langen Ehe gestorben war. Er hatte sich um Finanzen, Versicherungen und Verträge gekümmert, sie um alles andere, und so war es jahrzehntelang gegangen. Als sie nach der Beerdigung anfing, die Unterlagen durchzusehen, stellte sich heraus, dass das Haus überschuldet war und die Bank bereits gehandelt hatte.
Innerhalb weniger Tage war aus Trauer Existenzangst geworden.
So etwas steht selten in der Zeitung und kommt in Wohnzimmern häufiger vor, als die meisten denken. Und mitten darin soll dann eine Trauerfeier stattfinden, für die niemand Kraft hat.
Hier geht es darum, was passiert, wenn zur Trauer eine zweite Last dazukommt, warum ein kleiner Abschied dann oft der richtige ist, und was eine Trauerrede leisten kann, wenn alles andere gerade zerfällt.
Inhalte
- Wenn plötzlich die Existenz auf dem Spiel steht
- Was andere angeblich erwarten
- Warum ein kleiner Abschied reichen kann
- Was eine Trauerrede dann leisten kann
- Ein Abschied, der ehrlich ist
- Warum Trauer auch gesellschaftlich Raum braucht
- Was in diesen Wochen wirklich entschieden werden muss
- Wie es ausgegangen ist, weiß ich nicht
Wenn plötzlich die Existenz auf dem Spiel steht
Vielleicht kennen Sie das Gefühl, dass der Boden zweimal nachgibt.
Bei dieser Frau war es so. Sie hatte geglaubt, ihr Zuhause sei sicher, ihr Alltag verlässlich, ihre Zukunft geordnet. Nichts davon stimmte mehr, und niemand konnte ihr sagen, wie es weitergehen würde.
Von außen sieht so eine Zeit nach Funktionieren aus. Termine bei der Bank, Anrufe bei Versicherungen, Formulare, in denen nach dem Sterbedatum gefragt wird. Innerlich ist für
Trauer
kein Platz, weil jede Stunde für das Nötigste gebraucht wird, und deshalb kommt die Trauer später, mit Verspätung und mit voller Wucht.
Dazu kommt das Gefühl, zu versagen. Wer ohnehin schon denkt, nicht richtig zu trauern, hält sich in dieser Lage für vollständig unfähig. Das stimmt nicht. Ein Mensch kann nicht gleichzeitig sein Zuhause retten und in Ruhe trauern.
Was andere angeblich erwarten
Als ich sie besuchte, saß sie an ihrem Küchentisch. Überall lagen Papiere, Briefe, Kontoauszüge. Zwischen all dem sprach sie davon, dass sie eine anständige
Trauerfeier
organisieren müsse. Sie sagte es mit dieser Mischung aus Pflichtgefühl und Verzweiflung, die ich oft höre.
Sie war erschöpft, körperlich und seelisch. Der Tod ihres Mannes hatte ihr den geliebten Menschen genommen und dazu das Fundament ihres Lebens. Und trotzdem redete sie davon, welche Blumen es sein sollten und wen sie einladen müsste.
Dann sagte sie: Man erwartet das von mir. Ich kann mich jetzt nicht einfach zurückziehen.
Diesen Satz höre ich in Abwandlungen ständig. Dahinter steht die Vorstellung, eine
Trauerfeier
müsse groß sein, gut besucht und aufwendig, und wer das nicht liefert, habe seinen Menschen nicht genug geliebt. Wer diese Erwartung eigentlich hat, kann später kaum jemand benennen. Sie steht einfach im Raum.
WARUM EIN KLEINER ABSCHIED REICHEN KANN
Vielleicht rechnen Sie damit, dass jemand Ihnen das übelnimmt.
Als diese Frau entschied, keine große Trauerfeier zu machen, veränderte sich etwas an ihr. Die Anspannung wich, als hätte sie sich selbst die Erlaubnis gegeben, nicht länger durchhalten zu müssen. Aufgegeben hat sie damit nichts. Sie hat aufgehört, gegen die Wirklichkeit anzugehen.
Wir sprachen über einen kleinen Abschied. Eine
Grabrede
im engsten Kreis, ohne Musik, ohne Aufwand. Nur Worte über ihren Mann, so wie sie ihn gekannt hat.
Leicht war diese Entscheidung nicht. Sie hatte Angst, andere könnten sagen, sie habe zu wenig getan. Diese Angst nehme ich niemandem ganz. Ich kann nur sagen, was ich in solchen Fällen erlebe: Am Grab denkt darüber niemand nach. Was in Erinnerung bleibt, ist, ob die Worte gestimmt haben.
WAS EINE TRAUERREDE DANN LEISTEN KANN
An dieser Stelle ist ehrlich zu sein wichtiger als tröstlich zu sein.
Eine
Trauerrede
nimmt keinen Schmerz weg. Sie schließt keine Wunde, sie ordnet keine Kontoauszüge und sie beantwortet keine der Fragen, die am nächsten Morgen wieder da sind.
Was sie kann, ist begrenzt und trotzdem viel. Sie holt für zwanzig Minuten den Menschen zurück, um den es geht, und sie sagt laut, was sonst niemand ausspricht. Bei dieser Frau hieß das: dass sie in diesen Wochen mehr zu tragen hatte als den Verlust, und dass niemand in ihrer Lage einen perfekten Abschied auf die Beine stellt.
Das einmal vor anderen zu hören, verändert etwas. Nicht die Lage. Aber die Frage, ob sie sich schämen muss.
EIN ABSCHIED, DER EHRLICH IST
Vielleicht fürchten Sie, dass am Grab nur schöne Sätze fallen, die mit Ihrem Leben nichts zu tun haben.
Ich schreibe keinen Menschen glatt. In der
Grabrede
für ihren Mann kam vor, was er gut gemacht hat, und es kam vor, dass zwischen den beiden am Ende vieles offen geblieben war. Nicht idealisiert und nicht geglättet. Ehrlich.
Das ist keine Härte gegenüber den Toten. Wer beschönigt, nimmt den Angehörigen die Möglichkeit, sich wiederzuerkennen, und übrig bleibt eine
Trauerfeier, bei der alle höflich nicken und niemand etwas mitnimmt.
Wie ich beim Schreiben vorgehe, steht auf
Wie eine Trauerrede entsteht.
WARUM TRAUER AUCH GESELLSCHAFTLICH RAUM BRAUCHT
Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, wie schnell alle wieder zur Tagesordnung übergehen.
Je nach Vertrag gibt es ein oder zwei Tage Sonderurlaub. Die Karten kommen in den ersten zwei Wochen. Danach fragt kaum noch jemand, und wer nach drei Monaten weint, hört, dass es doch langsam besser werden müsste.
Für Menschen, die neben der Trauer noch eine Existenz retten, ist das doppelt schwer. Sie brauchen Zeit, die ihnen niemand gibt, und Verständnis für etwas, das von außen nach Organisation aussieht.
Was hilft, ist unspektakulär. Nachfragen, ohne eine Antwort zu erwarten. Etwas mitbringen, statt Hilfe anzubieten. Den Namen des Verstorbenen aussprechen.
Als freie Trauerrednerin und in der
Trauerbegleitung
bin ich für Angehörige in der
Metropolregion Rhein-Neckar und darüber hinaus da. Wenn Sie gerade an so einem Punkt sind, rufen Sie an. Sie müssen vorher nicht wissen, was Sie wollen.
Was in diesen Wochen wirklich entschieden werden muss
Vielleicht liegt bei Ihnen gerade alles gleichzeitig auf dem Tisch.
In Wirklichkeit ist die Liste kurz. Ein Bestattungshaus. Erdbestattung oder Feuerbestattung. Der Termin. Und wer bei der Trauerfeier spricht. Alles Weitere hat Zeit, auch wenn es sich in diesen Tagen nicht so anfühlt.
Der Grabstein hat Zeit, oft ein ganzes Jahr. Die Danksagungen haben Zeit. Die Wohnung hat Zeit, auch wenn viele Angehörige glauben, sie müssten sofort räumen. Konten, Verträge und Versicherungen haben Fristen, und die wenigsten davon laufen in der ersten Woche ab. Eine Ausnahme sind Lebensversicherungen, die oft eine Meldung binnen weniger Tage verlangen. Was für Sie gilt, steht in Ihrem Vertrag.
Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie im Bestattungshaus nach. Die Menschen dort machen das jeden Tag und sagen Ihnen, was wirklich eilt.
Welche Bestattungsarten es gibt, steht unter
Bestattungsarten. Wie eine Anfrage bei mir abläuft, steht unter
Nächste Schritte.
WIE ES AUSGEGANGEN IST, WEISS ICH NICHT
Vielleicht erwarten Sie jetzt, dass diese Geschichte gut ausgeht.
Das Haus hat die Bank genommen. Das war von Anfang an klar, und daran hätte auch die schönste Trauerfeier nichts geändert. Die Kinder haben die Sache danach übernommen. Mehr weiß ich nicht.
Nachgehakt habe ich nicht. Wenn ich die
Trauerrede verschicke, schreibe ich dazu, dass ich da bin, wenn jemand reden möchte. Danach melde ich mich nicht mehr von mir aus. Wer gerade sein Zuhause verliert, braucht keine Nachricht von der
Trauerrednerin, die wissen möchte, wie es weitergegangen ist.
Das ist der Teil dieser Arbeit, an den ich mich gewöhnen musste. Ich sehe Menschen in den schwersten Wochen ihres Lebens, ich schreibe für sie den letzten Text über einen Menschen, und danach höre ich meistens nichts mehr. Das ist richtig so. Eine offene Stelle bleibt es trotzdem.


