Die Trauerrede für Ihren Mann beginnt bei Ihnen beiden
Was in einer Trauerrede für den Ehemann steht

Fünfzig Jahre. Und jetzt sollen Sie in ein paar Sätzen sagen, wer er war.
Auf dem Tisch liegt ein Blatt vom Bestattungshaus, darauf ein Termin, der viel zu schnell kommt. Daneben die ersten Karten. Das Telefon klingelt, jemand fragt, ob es hinterher Kaffee geben soll, und Sie haben seit Tagen kaum geschlafen.
Und ausgerechnet jetzt sollen Sie entscheiden, was bei der Trauerfeier über Ihren Mann gesagt wird.
Wer eine Trauerrede für den Ehemann besprechen muss, kennt diesen Moment. Je länger Sie nachdenken, desto weniger fällt Ihnen ein. Das liegt nicht an Ihnen. Wer einen Menschen 50 Jahre lang kennt, hat kein Thema. Er hat ein ganzes Leben.
Und ein Leben lässt sich nicht in einen Absatz falten.
Dazu kommt etwas, über das selten jemand spricht. Von allen Menschen, die an diesem Tag in der Trauerhalle sitzen werden, kannten Sie ihn am besten. Und Sie sind die Einzige, die dort nicht sprechen kann. Ihre Kinder erinnern einen anderen Mann als Sie. Seine Schwester wieder einen anderen. Der Mann, mit dem Sie 50 Jahre lang am selben Tisch gesessen haben, kommt in keiner dieser Erinnerungen ganz vor.
Vorbereiten müssen Sie trotzdem nichts.
In unserem Gespräch gehen wir sein Leben der Reihe nach durch, von der Kindheit bis zuletzt, weil sich so am leichtesten erinnern lässt. Geschrieben wird die Trauerrede danach ganz anders.
Inhalte
- Die Frage, die alles öffnet
- Eine Fahrradkette und ein Taschentuch
- Wenn Sie denken, bei Ihnen war nichts Besonderes
- Was daraus in der Trauerrede wird
- Wenn die Ehe nicht nur leicht war
- Was Sie mitbringen
Die Frage, die alles öffnet
Am Anfang sind wir uns fremd. Sie sitzen mir gegenüber, vor Ihnen eine Tasse Kaffee, die ihnen nicht schmeckt. Sie sind müde, irgendwie leer, vielleicht auch unsicher. Und Sie wissen noch nicht, was für ein Mensch ich bin. Wem Sie da eigentlich erzählen.
Also fangen wir vorne an. Kindheit, Schule, Lehre oder Studium, die erste Wohnung, die Arbeit, die Kinder.
Meistens geht das Gefühl des Fremdelns schnell weg. Wir bauen eine Beziehung auf. Vertrauen wächst. Und dann, wenn wir eine Weile geredet haben und Sie gemerkt haben, dass hier nichts bewertet wird, stelle ich eine Frage. Meine Lieblingsfrage, denn ich liebe (echte) Liebesgeschichten.
Wie haben Sie sich kennengelernt?
Was dann passiert, ist fast immer dasselbe. Ihr Gesicht wird weicher. Ihre Schultern gehen herunter. Die Anspannung weicht. Es kommt ein Lächeln, das eben noch nicht da war. Und für ein paar Minuten sitzt mir keine Witwe mehr gegenüber. Stattdessen sitzt da ein Mädchen von 17, das morgens an einer Bushaltestelle vorbeiradelt und hofft, dass er heute dort steht.
Diese Minuten gehören Ihnen. Nicht mir und nicht der
Trauerrede.
An diesem Nachmittag sind Sie vermutlich zum ersten Mal seit Tagen wieder bei etwas Schönem. Und wenn Sie dabei lachen, lache ich mit.
Eine Fahrradkette und ein Taschentuch
Ende der fünfziger Jahre, ein Dorf, in dem jeder jeden kannte. Sie war 17 und fuhr jeden Morgen mit dem Fahrrad zu ihrer Lehrstelle. Auf halbem Weg kam sie an der Bushaltestelle vorbei, an der er stand. Nach ein paar Wochen grüßten sie sich. Guten Morgen im Vorbeifahren, mehr nicht.
Sie fand ihn von Mal zu Mal anziehender. Und sie konnte nichts tun.
Ein Mädchen sprach damals keinen Mann an. Das galt als unanständig, es sprach sich herum, und in einem Dorf hatte so etwas Folgen, die ein junges Leben negativ verändern konnten. Also wartete sie. Auf ein Zeichen von ihm, auf eine Initiative, die allein ihm gehörte und die vielleicht nie kommen würde. So wie Frauen damals warteten.
Wochenlang geschah nichts.
Dann sprang ihr an einem Morgen die Kette heraus. Sie stand am Straßenrand und versuchte, sie wieder aufzulegen, als er angelaufen kam. Er hat das Rad in Ordnung gebracht. Und weil ihre Hände dabei schmutzig und ölig geworden waren, hat er ihr sein Taschentuch gereicht. Dann kam sein Bus, er rannte los, und sie stand da. Mit seinem Taschentuch in der Hand.
Absicht war das nicht. Erst auf dem Weg zur Arbeit ist ihr aufgegangen, was sie da hielt.
Sie hatte einen Grund, ihn anzusprechen. Einen anständigen.
Was dann kam, hat sie mir in allen Einzelheiten erzählt, und ich habe zugehört wie bei einem Krimi. Das Taschentuch war ölverschmiert. Eine Waschmaschine gab es damals nicht, die hatten die wenigsten. Also Kernseife, Gallseife, eine Bürste. Heißes Wasser aus dem Topf, weil warmes Wasser nicht aus der Leitung kam. Reiben, einweichen, wieder reiben. Öl geht schwer aus Stoff, und moderne Mittel gab es nicht.
Trocken wurde es an diesem Abend natürlich nicht mehr. Also hat sie es trocken gebügelt. Dass sie damals schon ein elektrisches Bügeleisen hatten, hat sie mir eigens gesagt. Das sei ein Segen gewesen.
Am nächsten Morgen fuhr sie etwas früher los. Natürlich tat sie das. Und natürlich hat sie längere Zeit vor dem Spiegel verbracht bevor sie losfuhr.
Er stand an der Haltestelle als sie kam. Es blieb Zeit für einen Plausch. Und danach versuchte sie, jeden Morgen so früh loszufahren, dass sie ihn traf, was überraschend oft klappte. Meistens stand er schon an der Haltestelle und schaute in ihre Richtung.
Was sie erst viel später erfuhr: Er war von da an ebenfalls jeden Morgen früher aus dem Haus gegangen. In der Hoffnung, sie zu treffen.
Zwei Menschen, die auf denselben Zufall hofften. Und ihn selbst herbeiführten, ohne dass einer es dem anderen sagen konnte.
So kamen die Gespräche zustande, langsam, über Wochen. Mit 19 haben sie geheiratet.
Reich sind sie nie geworden. Er arbeitete in einer Spedition, sie war Schneiderin und nähte nebenher Änderungen, weil es sonst nicht gereicht hätte. Drei Kinder. Und über die Jahre ein kleines Häuschen, gekauft und Stück für Stück renoviert und ausgebaut.
Als sie mir davon erzählte, war er nach langer Krankheit gestorben. Sie war zwar körperlich gebrechlich, im Kopf war sie vollkommen klar. Sie vermisste ihn sehr.
Beim Taschentuch hat sie gelächelt. Und es geholt. Sie hat es aufbewahrt. Nach all den Jahren war es immer noch in ihrer Schublade.
Heute wäre das alles in zwei Tagen erledigt. Sie hätte ihn beim ersten Guten Morgen angesprochen, oder er sie, und niemand hätte abends mit einer Bürste über einem Topf heißen Wassers gestanden. Einfacher wäre es gewesen. Nur hätte es dann auch niemand 65 Jahre später noch erzählt.
Wenn Sie denken, bei Ihnen war nichts Besonderes
Diesen Satz höre ich oft, und fast immer klingt er entschuldigend. Bei uns war nichts Besonderes. Wir haben uns ganz normal kennengelernt.
Das stimmt nie.
Normal heißt in den allermeisten Fällen: dieselbe Nachbarschaft, dieselbe Firma, ein Fest im Ort, eine Freundin, die jemanden mitbrachte. Und dann hat es irgendwann gefunkt. Genau dort fangen die meisten langen Ehen an.
Das Besondere liegt selten im Anfang. Es liegt in dem, was zwei Menschen daraus gemacht haben. Eine gesprungene Fahrradkette ist erst dadurch eine Geschichte geworden, dass eine 17jährige abends stundenlang ein Taschentuch schrubbte.
Erzählen Sie mir also ruhig das vermeintlich Gewöhnliche. Ich finde das Besondere darin. Jede Liebesgeschichte hat das Besondere. Immer.
Was daraus in der Trauerrede wird
Sie fragen sich vielleicht, was so eine Geschichte bei einer
Trauerfeier
verloren hat. Sehr viel.
In dem Taschentuch steckt alles, was über diese beiden zu sagen ist. Eine Frau, die einen ganzen Abend an Kernseife und Bürste steht, um am nächsten Morgen einen Grund zum Reden zu haben. Ein Mann, der anhält, wenn eine Kette springt, und dafür seinen Bus riskiert. Und eine Ehe, die darauf gebaut ist, dass zwei Menschen einander morgens entgegengehen, ohne es voreinander zuzugeben.
Kein Datum und keine Berufsbezeichnung bringt das zustande. Solche Angaben standen in der Traueranzeige, und die haben an diesem Tag alle im Raum längst gelesen.
Vollständig wird eine
Trauerrede
ohnehin nie. Ein Leben von 80 Jahren passt in keine halbe Stunde, und wer so tut, als ginge das, verwandelt Ihren Mann in eine Aufzählung. Das werde ich nicht tun. Er ist Ihr Mann, kein Lebenslauf und keine Aufzählung.
Ich suche den einen Faden, an dem das Übrige hängt. Manchmal ist es eine Gewohnheit. Manchmal ein Satz, den er sein Leben lang gesagt hat (Ja aber). Manchmal eine Beharrlichkeit, die ihm selbst nie aufgefallen wäre, so wie das frühere Aufstehen wegen einer jungen Frau auf einem Fahrrad.
Wenn die Ehe nicht nur leicht war
Vielleicht steht bei Ihnen etwas im Raum, von dem Sie annehmen, dass es bei einer
Trauerfeier
nichts zu suchen hat. Weil es nicht schön war. Weil die Nachbarn davon wissen. Oder nicht. Weil Sie es jahrelang getragen haben.
Sagen Sie es mir trotzdem. Sie entscheiden, was davon in der
Trauerrede
auftaucht, und der Rest verlässt diesen Raumnicht.
Bei einem Mann war es sein Jähzorn. Seine Frau hat lange gebraucht, bis sie es aussprach. Ihre Tochter saß daneben und sagte nichts. Aber sie nickte. Und dann kam die Frage, ob so etwas überhaupt vorkommen kann.
Es kann.
In dieser Trauerrede stand der Jähzorn zwischen vielem, was diesen Mann liebenswert gemacht hat. Er stand dort als das, was er war. Eine schwierige Eigenschaft unter einer ganzen Menge guter. Dass der Jähzorn immer wieder Konsequenzen hatte. Manchmal schlimme. Dass die beiden immer wieder daran zu tragen hatten, um ihre Ehe zu behalten. Dass es ihm hinterher jedes Mal leidtat. Und dass es trotzdem wiederkam.
Großgemacht habe ich das nicht. Es hatte seinen Platz und nicht mehr, so wie in dieser Ehe auch. Darin liegt der Unterschied zwischen benennen und abrechnen.
Ein paar Tage später kam eine E-Mail von der Familie. Sie bedankten sich sehr herzlich und schrieben, die Trauerrede sei perfekt gewesen. Über solche Zuschriften freue ich mich jedes Mal. Diese hier war für mich der Beleg, dass es richtig war, den Jähzorn nicht wegzulassen.
Wenn Sie so etwas mitbringen, sind Sie damit bei mir nicht allein. Die meisten langen Ehen haben eine Stelle, über die zu Hause nicht geredet wurde. Sie macht das Leben Ihres Mannes nicht kleiner.
Was Sie mitbringen
Nichts.
Kein Papier, keine Stichpunkte, keine Reihenfolge. Wenn Sie sich trotzdem etwas notieren, ist das in Ordnung. Viele tun es, und die meisten Zettel liegen nach zehn Minuten unbenutzt neben der Tasse.
Mitbringen sollten Sie nur die Bereitschaft, ehrlich zu erzählen. Auch das, was nicht ins Bild passt.
Und falls Sie fürchten, mittendrin nicht mehr zu können: Dann können Sie eben nicht mehr. Wir halten an. Es eilt an diesem Nachmittag nichts.
Was das kostet, fragen viele erst ganz am Schluss und mit schlechtem Gewissen. 450 Euro als Festpreis. Was alles darin steckt, steht unter
Die Trauerrede.
Ich komme zu Ihnen, in Ludwigshafen, in Mannheim, in Frankenthal, in Speyer und in die ganze Metropolregion Rhein-Neckar.
Rufen Sie an, wenn es so weit ist.
Er fehlt. Darüber müssen wir beide nicht reden, das weiß ich.
Aber wie er war, das erzählen Sie mir.


