Wenn Sie entscheiden müssen und niemand etwas aufgeschrieben hat
Sie sollen wissen, was ein Mensch wollte, der es Ihnen nie gesagt hat

Sie führen das Gespräch mit dem Mann vom Bestattungshaus. So viele Entscheidungen, die Sie jetzt treffen müssen. Dann fragt er Sie, ob Erde oder Urne. Er wartet freundlich. Und Sie merken in diesem Moment, dass Sie es nicht wissen.
Jahrzehnte miteinander, unzählige Gespräche über alles Mögliche, und über diese eine Frage nie ein Wort. Das war keine Nachlässigkeit von Ihnen beiden. Über das eigene Sterben zu sprechen schieben die meisten Menschen ihr Leben lang vor sich her, und die meisten kommen damit durch, bis es zu spät ist.
In den nächsten Tagen kommen weitere solche Fragen auf Sie zu. Welche Bestattungsart, welcher Friedhof, ob überhaupt jemand sprechen soll und wer. Jede fühlt sich endgültig an, und zu jeder fehlt Ihnen genau die Auskunft, die Sie bräuchten. Dass es darauf keine richtige Antwort gibt, sagt Ihnen in diesen Tagen niemand.
Als freie Trauerrednerin sitze ich oft mit Familien zusammen, die genau da stehen. Der Satz, mit dem sie anfangen, ist fast immer derselbe.
Auf dieser Seite geht es um die Tage, in denen Sie entscheiden müssen, ohne etwas in der Hand zu haben. Darum, woran Sie sich halten können, wenn nichts aufgeschrieben ist. Und um die Zweifel, die danach kommen und über die selten jemand spricht.
- Der Satz, den fast alle sagen
- Warum es die falsche Entscheidung nicht gibt
- Was in den ersten Tagen wirklich entschieden werden muss
- Woran Sie sich orientieren können, wenn nichts vorliegt
- Wenn die Familie sich uneinig ist
- Was ich im Trauergespräch frage, wenn nichts vorliegt
- Die Zweifel, die danach kommen
- Und wenn Sie es Ihren Kindern ersparen möchten
Der Satz, den fast alle sagen
Vielleicht haben Sie ihn in den letzten Tagen selbst gesagt, zu Ihrer Schwester am Telefon oder nur zu sich, als es im Haus wieder ruhig war.
Ich weiß nicht, was er gewollt hätte.
Kaum ein
Trauergespräch
kommt ohne diesen Satz aus. Manchmal fällt er in der ersten Minute, manchmal erst nach einer Stunde, wenn genug Vertrauen da ist, um zuzugeben, wie ratlos sich das anfühlt. Und fast immer folgt eine Entschuldigung hinterher, wir hätten ja mal darüber reden sollen, wir haben es immer aufgeschoben, als wäre etwas versäumt worden, das in den meisten Familien schlicht nie stattfindet.
Falls Sie das gerade mit sich herumtragen: In den meisten Familien ist es genauso.
Schwerer wird es noch, wenn doch etwas gesagt wurde.
Eine Tochter saß mir gegenüber und musste mir davon erzählen, bevor wir überhaupt zu ihrer Mutter kommen konnten. Ihre Eltern wurden älter, und sie hat gefragt, über Jahre hinweg und immer dann, wenn sie beisammen waren und der Moment günstig schien.
Die Antwort war jedes Mal dieselbe. Immer etwas flippig, nie wirklich entschlossen. Ach, eine Seebestattung wäre doch ganz nett. Dann hast du keine Grabpflege.
Hinterher kam der Satz, sie wollten ihr keine Last sein. Und dann war das Thema wieder weg.
Für sie war diese Vorstellung unerträglich. Sie hat ihnen das gesagt, mehr als einmal, und es hat nichts geändert, weil ihre Eltern sich mit der Sache nicht befassen wollten und jedes Gespräch darüber freundlich und beiläufig beendeten, bevor es ernst werden konnte.
Dann starb ihre Mutter. Ihr Vater war zu diesem Zeitpunkt so weit an Demenz erkrankt, dass sie ihn nicht mehr fragen konnte, und damit lag alles bei ihr allein.
Sie hat sich für ein Grab auf dem
Friedhof
entschieden. Sie braucht einen Ort, an den sie gehen kann.
Sie hat mir dann ihr Herz ausgeschüttet, und es ging dabei noch gar nicht um ihre Mutter. Es ging um die Schuldgefühle. Sie hatte sich gegen etwas gestellt, von dem sie bis heute nicht sagen kann, ob es je ein Wunsch war.
Und niemand ist mehr da, den sie fragen könnte.
Warum es die falsche Entscheidung nicht gibt
Wahrscheinlich fürchten Sie in diesen Tagen vor allem eines: etwas zu tun, das dieser Mensch nicht gewollt hätte.
Diese Angst hört mit der
Trauerfeier
nicht auf. Ich begleite Menschen, die Jahre danach noch daran hängen, an einem Lied, das gespielt wurde, an dem Sarg, der ihnen im Nachhinein zu schlicht vorkam, an dem Gefühl, zu wenig Gäste eingeladen zu haben.
Dabei geht etwas unter, das ich in vielen Jahren immer wieder erlebt habe. Auch mit einer Verfügung in der Hand wird ein Abschied nie genau so, wie ein Mensch ihn sich vorgestellt hat. Ich habe
Trauerreden
für Menschen gehalten, die ihre
Trauerredenvorsorge
mit mir selbst besprochen hatten, jeden Satz, jedes Lied, und trotzdem war der Tag ein anderer als der, den wir uns gemeinsam ausgemalt hatten. Es regnete. Eine Schwester kam nicht. Am Grab wurde gelacht, weil jemand eine Geschichte erzählte, die keiner auf dem Zettel hatte.
Eine
Trauerfeier
entsteht zwischen den Menschen, die da sind. Sie richtet sich danach, was diese Menschen an diesem einen Tag tragen können, und das lässt sich vorher von niemandem festlegen, auch von der verstorbenen Person nicht.
Sie können diesen Abschied also nicht falsch machen. Sie können ihn nur so machen, wie Sie ihn jetzt machen.
Was in den ersten Tagen wirklich entschieden werden muss
Im Bestattungshaus entsteht schnell der Eindruck, dass heute alles feststehen muss, am besten in dieser einen Stunde.
Das stimmt für einen kleinen Teil. Wie bestattet wird, also Erde oder Feuer, und wann die Trauerfeier stattfindet, hängt an Fristen und an freien Terminen auf dem Friedhof. Diese beiden Dinge brauchen tatsächlich schnell eine Antwort, weil sich alles andere daran aufhängt.
Der ganze Rest hat mehr Zeit, als Ihnen an diesem Tisch gesagt wird. Welche Musik gespielt wird, wer spricht, was in der Traueranzeige steht, wer eingeladen wird, ob es hinterher Kaffee gibt und wo. Nichts davon müssen Sie entscheiden, während Ihnen noch schwindelig ist.
Wenn Sie also gerade das Gefühl haben, unter Druck zu stehen: Sagen Sie, dass Sie sich das bis morgen überlegen. Kein Bestattungshaus wird Ihnen das abschlagen, und die meisten sind erleichtert, weil sie wissen, was aus überstürzten Entscheidungen später wird.
Eine Bitte an dieser Stelle: Wenn Sie eine Trauerrednerin oder einen Trauerredner möchten, klären Sie das früh. Für ein Trauergespräch und die Trauerrede danach brauche ich genügend Zeit, damit ich die Lebensrede gut schreiben kann und Ihren Menschen wirklich treffe. Ich schreibe jede Trauerrede neu für diesen einen Menschen, das schüttle ich nicht aus dem Ärmel. Dazu brauche ich mehrere Stunden und das ist mir persönlich wirklich wichtig.
Woran Sie sich orientieren können, wenn nichts vorliegt
Was Sie jetzt suchen, ist eine Regel. Irgendetwas, das Ihnen sagt, welche Entscheidung die richtige ist.
Rechtlich ist die Lage klarer, als sie sich anfühlt. Bindend ist, was die verstorbene Person selbst schriftlich festgehalten hat. Ein Satz, der vor drei Jahren beim Beisammensein gefallen ist, auch mehrfach gefallen ist, hat diese Wirkung nicht. Liegt nichts Schriftliches vor, geht die Totenfürsorge auf die nächsten Angehörigen über, und das heißt: Die Entscheidung gehört Ihnen. Sie handeln nicht gegen jemanden, wenn Sie sie treffen. Sie tun, was Ihnen zusteht.
Für Rheinland-Pfalz kommt seit dem 27. September 2025 etwas dazu. Das
neue Bestattungsgesetz lässt Formen zu, die es vorher nicht gab, die
Flussbestattung
im Rhein zum Beispiel. Und gerade weil mehr möglich ist, verlangt das Gesetz für diese neuen Formen die schriftliche Festlegung durch die Person selbst, zu ihren Lebzeiten. Angehörige können sie später nicht an ihrer Stelle in Anspruch nehmen. Was das im Einzelnen bedeutet und wie eine Totenfürsorgeverfügung aussieht, habe ich unter
Vorsorge im Bestattungsgesetz
aufgeschrieben.
Bei der Tochter, von der ich erzählt habe, lag der Fall anders. Eine Seebestattung ist in ganz Deutschland zulässig, sie findet auf dem Meer statt, von einem Schiff aus. Sie hätte den Wunsch ihrer Eltern also ausführen können. Das ist der Grund, warum ihre Entscheidung sie so lange beschäftigt hat.
Wenn also keine Regel für Sie entscheidet: Orientieren Sie sich an dem Menschen. Nicht an dem, was er zum Thema Bestattung gesagt hat, sondern an dem, wie er mit den Menschen umgegangen ist, die er liebte. Wer sein Leben lang darauf geachtet hat, dass es seiner Tochter gut geht, hätte kaum gewollt, dass sie jeden Sommer an einen Hafen fährt und ins Wasser sieht.
Hinweis: Ich bin Trauerrednerin und
Trauerbegleiterin, keine Juristin. Für Fragen zu Verfügungen und Totenfürsorge wenden Sie sich bitte an einen Anwalt oder Notar.
Wenn die Familie sich uneinig ist
Vielleicht sitzen Sie mit dieser Entscheidung gar nicht allein, sondern zu dritt am Tisch, und jeder will etwas anderes.
In solchen Auseinandersetzungen geht es fast immer darum, was jede und jeder braucht, um mit diesem Tod zurechtzukommen. Der eine braucht ein Grab, an das er fahren kann. Die andere erträgt den Gedanken an einen Friedhof nicht und möchte den Wald. Beide haben recht, und beide sprechen dabei über sich, ohne es zu merken.
Eine Frau wusste, dass sie sterben würde. Sie hat ihre Bestattung selbst gebucht und selbst bezahlt, alles bis ins Letzte geplant, damit ihre Familie hinterher nichts mehr zu regeln hätte. Gemeint war das als Fürsorge. Ihr Mann erfuhr von der anonymen Beisetzung, als sich nichts mehr ändern ließ. Er hätte einen Ort gebraucht, an den er gehen kann. Welche Form, war ihm gleichgültig. Nur eben ein Ort.
Sie hat ihn nie gefragt.
Wenn Sie sich also gerade mit Ihrer Schwester streiten, dann ist das unangenehm und trotzdem das Bessere. Solange Sie miteinander reden, lässt sich etwas finden, mit dem alle leben können. Manchmal ist es eine Gemeinschaftsanlage mit Namensschild statt einer anonymen Grabstätte, manchmal reicht es schon, dass eine von Ihnen den Ort aussucht und die andere die Musik.
Was ich im Trauergespräch frage, wenn nichts vorliegt
Vielleicht fragen Sie sich, wie ich eine Trauerrede über einen Menschen schreiben soll, wenn nicht einmal Sie sicher sind, was er gewollt hätte.
Einen Fragebogen habe ich nicht. Ich frage nach lustigen Geschichten. Ich frage nach Urlauben, weil dort meistens etwas passiert ist, von dem die Familie heute noch erzählt. Ich frage nach den Dingen, die dieser Mensch immer wieder gemacht hat, jeden Sonntag, jedes Jahr, auf dieselbe Art. Und ich frage, ob er Humor hatte. Wenn ja, frage ich nach, was er denn so für Schabernack getrieben hat.
Irgendwann ergeben sich die Fragen aus dem Gespräch von selbst, und dann höre ich mehr zu, als ich frage. Aufhören tue ich, wenn ich das Gefühl habe, Ihren Menschen zu kennen.
Und dann geschieht regelmäßig etwas, mit dem die Familien nicht rechnen. Wer zwei Stunden lang von einem Menschen erzählt hat, weiß hinterher ziemlich genau, was zu ihm gepasst hätte. Meistens haben Sie es die ganze Zeit gewusst. Es stand nur nirgends geschrieben.
Die Zweifel, die danach kommen
Vielleicht merken Sie es erst in ein paar Wochen. Die Karten sind beantwortet, die Nachbarn fragen nicht mehr, und nachts liegen Sie wach und rechnen nach, ob es richtig war.
Die Tochter, von der ich am Anfang erzählt habe, saß aus genau diesem Grund bei mir. Wir haben sehr lange darüber gesprochen, viel länger als über die Trauerrede selbst.
Was ich ihr gesagt habe, war das hier. Ihre Eltern haben sie geliebt. Und jede Entscheidung, die es für sie ein Stück erträglicher macht, wäre ihren Eltern recht gewesen.
Der Satz, den sie jahrelang von ihnen gehört hatte, hieß ja: Wir wollen dir keine Last sein. Genau das hat sie getan. Sie hat sich für die Möglichkeit entschieden, die sie tragen kann, und damit hat sie ihren Eltern besser entsprochen als mit jeder Seebestattung.
Am Ende unseres Gesprächs war es für sie in Ordnung. Nicht sofort und nicht leicht, aber in Ordnung.
Und wenn Sie es Ihren Kindern ersparen möchten
Viele Menschen kommen genau darüber zu mir. Sie haben das einmal durchgemacht, mit einem Vater oder einer Schwester, und möchten es niemandem hinterlassen.
Dafür braucht es weniger, als die meisten denken. Ein paar Sätze auf Papier, an einer Stelle, die Ihre Familie findet. Wo Sie beerdigt werden möchten, ob
weltlich
oder
christlich, welche Musik Ihnen etwas bedeutet, wer angerufen werden soll. Was dazugehört und wie eine Totenfürsorgeverfügung aussieht, steht bei mir unter Vorsorge für den Abschied.
Bestattungsvorsorge biete ich nicht an, dafür ist ein Bestattungshaus die richtige Adresse. Mein Bereich ist die Trauerredenvorsorge. Dabei erzählen Sie mir Ihr Leben selbst, in Ruhe und ohne den Druck einer Trauerfeier in vier Tagen, und daraus schreibe ich Ihre Trauerrede. Sie lesen sie, sagen mir, was nicht stimmt, und danach gehört der Text Ihnen.
Wenn Ihre Kinder eines Tages nicht raten sollen, wer Sie waren, dann erzählen Sie es ihnen.
Oder erzählen Sie es mir, solange Sie Zeit dazu haben.
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