Wenn nach einem Schwangerschaftsabbruch die Trauer bleibt
Ein Anruf, der anders war als sonst

Habe ich überhaupt ein Recht, um dieses Kind zu trauern? Diese Frage stellen sich manche Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch, oft erst Jahre später, oft ganz allein. Sie können kaum jemandem davon erzählen, ohne sich rechtfertigen zu müssen, und so bleibt die Trauer da, wo sie niemand sieht.
Wenn Sie das kennen, dann hören Sie bitte zuerst das: Ihre Trauer ist echt, auch wenn Sie die Entscheidung damals selbst getroffen haben. Beides kann nebeneinander stehen, die Entscheidung und der Schmerz. Und auch für diese Trauer gibt es einen Abschied.
Als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin in der Metropolregion Rhein-Neckar begleite ich Abschiede, über die sonst kaum jemand spricht. Vor etwas mehr als einem Jahr kam ein Anruf, der mich seitdem nicht loslässt. Es ging um eine Frau, die nach einem Schwangerschaftsabbruch nicht zur Ruhe kam, und um eine Familie, die ihr unbedingt helfen wollte.
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„Sie hat ein Sternenkind, aber es ist ungewöhnlich“
Wer ruft eigentlich an, wenn die Betroffene es selbst nicht schafft? In diesem Fall war es eine enge Verwandte, und sie hat lange gebraucht, bis sie sagen konnte, worum es ging.
Am Anfang fragte sie vorsichtig, ob ich auch Eltern begleite, deren Kind ein Sternenkind ist. Ja, sagte ich, und fragte, worum es geht. Dann kam ein Zögern. Sie druckste herum, fing einen Satz an und brach ihn wieder ab, fing neu an. Ihre Verwandte habe ein Sternenkind, sagte sie schließlich, aber es sei etwas ungewöhnlich.
Ganz ruhig habe ich nachgefragt. Und dann kam es heraus: Es ging um einen Schwangerschaftsabbruch. Ihre Verwandte hatte ihn vor einigen Jahren machen lassen, und sie kam damit nicht zurecht.
Gemerkt habe ich in diesem Moment, wie viel Mut dieser Anruf die Verwandte gekostet hat. Sie wusste nicht, wie ich reagieren würde. Vielleicht hatte sie mit einer Belehrung gerechnet oder damit, dass ich das Gespräch höflich beende. Als sie merkte, dass nichts davon passiert, war die Erleichterung in ihrer Stimme deutlich zu hören. Danach sprach sie anders, freier und schneller, so als hätte sie diesen Satz seit Tagen mit sich herumgetragen.
Und ich habe sehr stark gespürt, wie sehr sie ihrer Verwandten helfen wollte. Niemand führt so ein Telefonat aus Neugier. Wer so zögert und trotzdem weiterspricht, tut es für einen Menschen, der ihr sehr nahe ist. Daraus habe ich abgeleitet, wie sehr die Frau selbst leiden musste, wenn ihre Familie diesen Schritt für sie ging.
Zuerst die Frage nach der Therapie
Hilft ein Abschied, wenn die Trauer schon so lange festsitzt? Vielleicht. Erlebt habe ich das schon mehrmals. Aber dafür muss vorher etwas anderes da sein.
Bevor ich in diesem Gespräch überhaupt über über die Möglichkeit einer
Trauerfeier
gesprochen habe, habe ich gesagt, dass eine kompetente psychologische Begleitung durch eine Therapeutin oder einen Therapeuten in so einer Lage absolut erforderlich ist. Eine
Trauerrede
kann vieles. Eine Therapie ersetzt sie nicht, und wo jemand fachliche Hilfe braucht, gehört diese Hilfe an die erste Stelle.
Die Verwandte konnte mich beruhigen. Die Frau war bereits in Behandlung, und die Idee,
einen Abschied zu gestalten, kam von ihrer Therapeutin selbst. Das hat mir viel gesagt. Hier wollte niemand etwas überspringen. Hier suchte jemand, gut begleitet, einen nächsten Schritt, und ihre Familie suchte mit.
Wenn Sie nach einem Schwangerschaftsabbruch mit Ihrer
Trauer
allein sind und noch keine Unterstützung haben, ist das der erste Weg, den ich Ihnen ans Herz lege. Den Abschied kann es danach immer noch geben.
Wie dieser Abschied aussehen könnte
Wo nimmt eine Frau Abschied von einem Kind, für das es nie ein Grab gab? Darüber haben wir am Telefon gesprochen, und ich habe erklärt, wie so ein Abschied ablaufen könnte.
In diesem Fall gab es einen Ort. Die Familie hatte ein Grab, das der Großmutter, und dort wollte die Frau gerne Abschied nehmen. Ein Grab, in dem schon jemand liegt, der sie geliebt hat, ist für so einen Abschied ein guter Ort.
Hätte es kein Grab gegeben, hätte ich den Sternenkinderbereich eines Friedhofs vorgeschlagen. Die meisten größeren Friedhöfe haben inzwischen einen, der Hauptfriedhof in Ludwigshafen genauso wie die Friedhöfe in Mannheim und in fast allen anderen Städten der Region. Diese Bereiche sind oft sehr schön gestaltet. Dort werden Sternenkinder aus dem Krankenhaus anonym beigesetzt, manche Eltern wählen dort auch selbst eine anonyme Bestattung, und es gibt kleine Gräber. Ein Ort, an dem auch andere Eltern ihre Kinder vermissen, kann tröstlich sein. Welche Abschiede Eltern für ihr Sternenkind gestalten, lesen Sie in „Trauer um Sternenkinder“.
Die Trauerrede selbst wäre aus dem Gespräch mit der Frau entstanden, aus dem, was sie mir erzählt hätte. Sie hatte ihre Gründe, und sie fühlt etwas. Beides gehört hinein.
Daraus hätte ich eine Trauerrede gewoben, mit nur einem Ziel: ihr Trost zu geben. Ob sie dabei von einem Sternenkind spricht oder ein anderes Wort besser passt, entscheidet allein sie.
Wer dabei ist, hätte ebenfalls die Frau entschieden, nur sie und ihre Verwandte oder noch ein Mensch mehr. Eine Kerze, ein paar Blumen auf dem Grab der Großmutter, ein Brief an das Kind, alles das hätte Platz gehabt, wenn sie es gewollt hätte. Nach dem Abschied bekommt sie die Trauerrede als PDF, einen Text, den sie wieder lesen kann, wenn die Zweifel zurückkommen.
Kein Urteil und keine Abrechnung
Was, wenn die
Trauerrednerin
insgeheim urteilt? Diese Angst stand am Anfang des Telefonats spürbar im Raum, und sie ist berechtigt, bei einem Thema, über das so viele Menschen so laut urteilen.
Gesagt habe ich der Verwandten, dass ich ganz bestimmt kein Urteil fällen würde und schon gar nicht richten. Zum einen steht mir das nicht zu. Zum anderen widerstrebt es jeder Überzeugung, die ich persönlich habe und die ich in meinen Beruf mitbringe.
Wer mich beauftragt, spürt Trauer und Leid. Mit diesen Menschen rechne ich nicht ab, und als Richterin spiele ich mich nicht auf. Nie! Das gilt bei einem
Suizid, bei einem
schwierigen Vater, beim
assistierten Suizid, und es gilt hier genauso. Wer bei mir anruft, bekommt einen Abschied, der zu ihrer Geschichte passt, ohne dass sie oder er sie mir erst erklären oder verteidigen muss.
Noch nicht so weit
Ein paar Tage nach dem Anruf meldete sich die Verwandte noch einmal. Die Frau fand die Idee sehr gut, sagte sie. Aber sie sei noch nicht so weit, und sie würden sich melden.
Gemeldet haben sie sich nicht. Das ist jetzt ein gutes Jahr her.
Für mich ist das in Ordnung. Ein Abschied kommt, wenn ein Mensch so weit ist, und keinen Tag früher. Vielleicht hat schon das Wissen geholfen, dass es diese Möglichkeit gibt und dass jemand Ja gesagt hat, ohne Fragen zu stellen, die wehtun. Manchmal frage ich mich, wie es ihr heute geht.
Manche Frauen tragen diese Trauer viele Jahre mit sich, manche Jahrzehnte, und sprechen erst darüber, wenn die eigenen Kinder längst groß sind. Auch dann ist ein Abschied möglich, an einem Familiengrab, im Sternenkinderbereich eines Friedhofs oder an einem Ort, der Ihnen etwas bedeutet.
Wenn Sie selbst noch nicht so weit sind, ist das kein Grund, sich zu schämen. Die Tür bleibt offen. Auch nach Jahren.
Warum mich dieses Gespräch nicht loslässt
Warum denke ich nach über einem Jahr immer noch an ein Telefonat mit einer Frau, die ich nie getroffen habe? Wegen allem, was ich darin gespürt habe. Und wegen der Debatten, die draußen über Frauen wie sie geführt werden.
Kaum eine Debatte wird so erbittert und so unversöhnlich geführt wie die über Abtreibung. Menschen versteifen sich auf eine Meinung, auf eine Auslegung, und vergessen dabei die Menschen, um die es eigentlich geht. Diese Frau würden manche vielleicht als Schreckensbeispiel vorführen. Ihre Schwierigkeiten mit dem, was geschehen ist, und ihre Trauer würden sie
als gerechte Strafe
sehen und genau so darüber schreiben.
So ist das nicht. Es ist nicht schwarz-weiß, und es ist nicht so einfach.
In diesem einen Telefonat war eine Familie zu hören, die einen Menschen liebt und ihm helfen will. Dahinter stand eine Frau, die Jahre nach ihrer Entscheidung noch leidet und sich Hilfe sucht. Das alles habe ich gespürt, im Zögern am Anfang, in der Erleichterung danach, in jedem Satz dazwischen. Deshalb lässt es mich nicht los, und deshalb denke ich immer wieder darüber nach.
Wir wissen nicht, was in einem anderen Menschen vorgeht. Wir wissen nicht, was zu einer Entscheidung geführt hat und was sie seitdem mit ihm macht. Darum steht es uns nicht zu, zu pauschalisieren, ein Urteil zu fällen oder gar zu richten.
Tragen Sie eine solche Trauer schon lange mit sich, dann
rufen Sie mich an. Sie müssen mir nichts erklären, bevor wir sprechen, und Sie müssen sich vor mir für nichts rechtfertigen.
In der
Trauerbegleitung
bin ich für Sie da, persönlich in
Mannheim,
Ludwigshafen, Heidelberg oder anderswo in der Region, am Telefon oder per Videocall. Und wenn Sie so weit sind, gestalten wir gemeinsam einen Abschied.


