Was bleibt, wenn ein Mensch geht
Was von Ihrem Menschen bleibt

Was bleibt eigentlich, wenn ein Mensch geht? Vielleicht fragen Sie sich das abends, wenn seine Jacke noch an der Garderobe hängt, oder wenn Sie zum dritten Mal ihre Nummer im Handy aufrufen und sie dann doch nicht löschen. Die
Trauerfeier
ist vorbei, die Karten sind beantwortet, und trotzdem ist Ihr Mensch auf eine Weise da, die Sie kaum jemandem erklären können.
Das bilden Sie sich nicht ein. Viele erzählen mir davon fast entschuldigend, als müssten sie sich dafür rechtfertigen. Was bleibt, ist eine Nähe ohne Anwesenheit: ein Satz, den Sie plötzlich in seiner Stimme hören, eine Handbewegung, die Sie an sich selbst entdecken, ein Geruch, der Sie mitten im Supermarkt stehen bleiben lässt.
An Feiertagen spüren viele diese Nähe besonders deutlich. An Weihnachten oder Hanukkah genauso wie an Ostern, Eid oder am Muttertag, an Allerheiligen und am Totensonntag, wenn die Friedhöfe voll sind und Sie mit einem Grablicht in der Hand vor dem Grab stehen. Und an den Tagen, die nur Ihnen beiden gehört haben, dem Hochzeitstag oder dem Geburtstag.
Als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin in der Metropolregion Rhein-Neckar höre ich in fast jedem Trauergespräch, was von einem Menschen bleibt. Selten sind es die großen Lebensdaten. Es ist ein „Menschenskinder“, das jemand bei jeder Gelegenheit gesagt hat, oder ein legendärer Käsekuchen, von dem die ganze Familie noch Jahre später spricht. Genau diese Dinge gehören in eine
Trauerrede, und genau sie tragen Familien danach weiter.
Inhalte
Wenn Erinnerung plötzlich da ist
Warum trifft es mich ausgerechnet in der Bäckerei? Sie stehen in der Schlange, und vor Ihnen bestellt jemand genau die Laugenbrezel, die Ihr Mann jeden Samstag mit nach Hause gebracht hat. Oder im Autoradio läuft ihr Lied, und Sie müssen rechts ranfahren, weil Sie die Straße nicht mehr sehen. Niemand in dieser Schlange erwartet, dass Sie das im Griff haben.
Solche Momente lassen sich nicht planen, und an Feiertagen kommen sie oft gehäuft, weil so vieles an gemeinsame Jahre gebunden ist. Vielleicht holen Sie im Advent die Kiste mit dem Schmuck vom Speicher, und obenauf liegt noch sein Zettel, auf dem in seiner Handschrift steht, welche Kugel in welcher Schachtel ist. Oder Sie färben an Ostern zum ersten Mal allein die Eier mit Zwiebelschalen, so wie sie es jedes Jahr gemacht hat, und merken erst am Herd, dass Sie gar nicht wissen, wie lange die Eier im Sud bleiben müssen. Diese Frage hätten Sie ihr gern noch gestellt.
In der
Trauerbegleitung
erzählen mir Menschen oft von genau solchen Augenblicken, und meistens steht am Ende eine Frage: Ist das normal? Ja. Was da so plötzlich hochkommt, ist das, was zwischen Ihnen beiden war. Es hat in Ihnen einen Ort gefunden, an dem es bleiben kann, und es meldet sich, wann es will.
Wenn Sie davon erzählen möchten, höre ich zu, so lange und so oft Sie wollen. Manchmal hilft es schon, einen dieser Momente einmal laut auszusprechen, bei jemandem, die nicht sofort das Thema wechselt.
Nähe ohne Anwesenheit
Bin ich verrückt, wenn ich ihn manchmal neben mir spüre? Sie sitzen abends auf dem Sofa, und für einen Augenblick ist es, als säße er auf seinem Platz rechts von Ihnen und würde gleich nach der Fernbedienung greifen. Oder Sie wachen nachts auf und warten auf ihren Atem, bis Ihnen wieder einfällt, warum es so ruhig ist.
Verrückt sind Sie nicht. Sehr viele Menschen erleben genau das, und kaum jemand spricht darüber, weil die Angst groß ist, belächelt zu werden. In der Trauerbegleitung kommt dieses Thema meist erst im zweiten oder dritten Gespräch, vorsichtig, mit einem Lachen, das die Unsicherheit verdecken soll. Wenn es dann ausgesprochen ist, wird es im Raum oft spürbar leichter.
Was Sie in diesen Momenten sehen, ob etwas Spirituelles oder die Spur einer langen gemeinsamen Zeit, entscheiden Sie, und dafür müssen Sie sich vor niemandem erklären, auch vor mir nicht.
An Feiertagen ist diese Nähe oft am deutlichsten, gerade weil die Tage so voll sind mit Gewohnheiten. Vielleicht sind Sie jedes Jahr am Neujahrsmorgen zusammen am Rhein spazieren gegangen. Und jetzt merken Sie beim ersten Spaziergang allein, dass Sie unwillkürlich langsamer gehen, so als müssten Sie auf jemanden warten.
Sätze, die bleiben
Und plötzlich klinge ich wie meine Mutter. Sie sagen zu Ihrem Enkel „Zieh dir eine Jacke an, es ist frisch draußen“, genau in ihrem Tonfall, mit derselben kleinen Pause vor dem letzten Wort. Ihre Tochter dreht sich um und schaut Sie an, und für einen Moment sagt keiner etwas.
Viele lachen in so einem Moment und haben gleichzeitig Tränen in den Augen. Beides gehört zusammen. Was ein Mensch immer wieder gesagt hat, wandert in die Menschen, die ihm am nächsten waren, und meistens merken sie es erst, wenn es schon aus ihnen herauskommt.
Im
Trauergespräch
frage ich deshalb immer nach solchen Sätzen. Wenn ich wissen will, was jemand ständig gesagt hat, wird es im Raum fast immer zum ersten Mal lauter. Jemand lacht, ein anderer korrigiert sofort: Nein, so hat sie das nie gesagt, das ging ganz anders. Oder die Familie erzählt von dem Mann, der sich standhaft geweigert hat, eine Landkarte zu lesen, und bei jeder verpassten Ausfahrt denken heute noch alle an ihn.
An
Feiertagen, wenn die Familie zusammenkommt, tauchen diese Sätze besonders oft auf, beim Rausfischen der Knödel, beim Anstoßen um Mitternacht, beim Abschied an der Haustür. Sie haben sie geerbt. Jetzt gehören sie Ihnen.
Dinge, die Sie nicht weggeben können
Muss ich seine Sachen irgendwann aussortieren? Irgendwann vielleicht. Aber ganz sicher nicht nach einem Zeitplan, den andere für Sie machen, auch wenn die Schwägerin meint, bis Ostern sollte der Kleiderschrank doch leer sein.
Manche Dinge können Sie einfach nicht weggeben. Den Pullover, an dem noch ihr Geruch hängt und den Sie deshalb nicht waschen. Die Lesebrille auf dem Nachttisch. Und das Handy mit dem Chatverlauf, in dem als letzte Nachricht „Bin gleich da“ steht, und den Sie nachts manchmal von oben bis unten noch einmal lesen, obwohl Sie jedes Wort kennen.
Das ist kein Festhalten, das Ihnen schadet. Diese Dinge halten fest, was Sie noch nicht loslassen wollen, und sie geben Ihnen Zeit, bis Sie selbst entscheiden. Manche Familien verteilen später an einem Feiertag einzelne Stücke, und jedes Enkelkind bekommt an Weihnachten eine von Opas Tassen. Andere behalten alles, viele Jahre lang.
In der Trauerbegleitung sprechen wir manchmal genau darüber, welche Dinge bleiben sollen und welche gehen können. Wer Sie drängt, kennt Ihr Tempo nicht.
Was in der Trauerrede bleibt
Und wenn ich irgendwann vergesse, wie er war? Diese Angst kommt oft in den ersten Monaten, wenn die Stimme in der Erinnerung zum ersten Mal undeutlich wird. Sie ist schmerzhaft, und sie zeigt, wie wichtig Ihnen dieser Mensch ist.
Gerade deshalb ist mir das Trauergespräch so wichtig. Es gibt genau eines, und darin frage ich chronologisch nach dem Leben und höre zu, bis die Menschen anfangen zu erzählen. Die Trauerrede wird trotzdem kein Lebenslauf. Sie folgt einem Leitmotiv, und in ihr stehen das „Menschenskinder“, der Käsekuchen und die verweigerte Landkarte, weil genau daran alle im Raum diesen Menschen erkennen.
Nach der Trauerfeier bekommen die Angehörigen die Trauerrede als bleibende Erinnerung, als PDF oder, wenn jemand keine E-Mail-Adresse hat, gedruckt per Post. Manche legen sie in die Schublade des Nachttischs, andere lesen sie am Geburtstag oder am Jahrestag noch einmal. So bleibt auch dann etwas, wenn die eigene Erinnerung müde wird.
Wenn Sie für Ihren Menschen eine
Trauerrede suchen, in der er wiederzuerkennen ist, oder wenn Sie nach der
Trauerfeier
jemanden zum Reden brauchen,
rufen Sie an. Ich bin für Familien in Ludwigshafen, Mannheim, Heidelberg, Speyer und in der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar da.
Sie sehen ihn überall, aber er ist nirgends. Und beides ist jetzt Ihr Leben.


