Trauer muss nicht heilen, auch nicht an Feiertagen

Patricia Rind

Wenn alle sagen, es müsse doch langsam besser werden

Ein unbefestigter Pfad führt durch einen nebligen Wald mit hohen Bäumen, durch die das Sonnenlicht hindurchscheint.

Es ist doch jetzt schon fast ein Jahr her. Vielleicht hat Ihnen jemand diesen Satz gesagt, freundlich gemeint, am Telefon oder beim Geburtstag der Nachbarin. Sie haben genickt und danach den ganzen Abend gegrübelt, ob mit Ihnen etwas nicht stimmt. Als müsste Trauer irgendwann heilen wie ein gebrochener Arm, und wer nach einem Jahr noch weint, hätte etwas falsch gemacht.

Trauer muss nicht heilen. Sie ist keine Krankheit, und es gibt keinen Tag, an dem sie abgeschlossen sein sollte. Sie verändert sich mit der Zeit, und sie braucht Raum, gerade an den Tagen, an denen alle um Sie herum Freude erwarten.

Das sind längst nicht nur die Weihnachtstage. Es kann das erste Ostern ohne Ihren Menschen sein oder das erste Zuckerfest nach dem Ramadan, wenn beim Videoanruf mit der Verwandtschaft eine Stimme fehlt, die sonst als erste gratuliert hat. Es kann der Muttertag sein, an dem Sie zum ersten Mal keine Blumen kaufen, oder der Jahreswechsel, an dem um Mitternacht alle anstoßen. An solchen Tagen ist der Abstand zwischen dem, was Sie fühlen, und dem, was andere von Ihnen erwarten, oft am größten.

Als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin in der Metropolregion Rhein-Neckar höre ich den Satz mit dem Jahr erstaunlich oft. Die Menschen erzählen ihn mir, weil er ihnen nachgeht. Meine Antwort darauf ist immer dieselbe: Ihre Trauer hat kein Verfallsdatum. Wer Ihnen eines setzt, hat Ihren Menschen nicht so gekannt wie Sie.


Inhalte


  1. Wenn der Feiertag im Kalender steht
  2. Warum Heilung nicht das Ziel ist
  3. Rituale, die Halt geben
  4. Wenn Sie nicht mitfeiern wollen
  5. Begleitung und Unterstützung in der Metropolregion Rhein-Neckar
  6. Trauer braucht Raum

Wenn der Feiertag im Kalender steht


Noch drei Wochen bis Weihnachten, und schon jetzt liegen Sie nachts wach. Viele, die ich begleite, fürchten einen Feiertag lange, bevor er da ist. Er steht im Kalender wie ein Termin mit dem Schmerz, den niemand absagen kann. Und viele erzählen mir hinterher, dass die Wochen davor schwerer waren als der Tag selbst.

Diese Angst ist kein Zeichen von Schwäche.
Feiertage kündigen sich lange an und lassen Sie kaum vergessen, was kommt. Im Supermarkt stehen schon im September die Lebkuchen. Vor dem Ramadan kommt die Frage, bei wem dieses Jahr das erste Fastenbrechen ist, vor Silvester die Frage, wo Sie feiern. Zwischen zwei Folgen Ihrer Serie läuft Werbung mit einer Familie, die lachend um einen gedeckten Tisch sitzt. Und dann meldet sich die Kalender-App mit einem Termin, den Sie im letzten Jahr noch zusammen eingetragen haben. Jedes Mal zieht sich in Ihnen etwas zusammen, und kaum jemand bemerkt es.

Deshalb spreche ich gern über einen Feiertag, bevor er da ist. In der
Trauerbegleitung überlegen wir gemeinsam, wie dieser Tag für Sie aussehen könnte, wer da sein soll und was Sie sich in diesem Jahr lieber nicht zumuten wollen. Das geht persönlich, am Telefon oder per Videocall.

Oft reicht schon ein Plan für den Nachmittag, damit die Nacht davor ruhiger wird.

Warum Heilung nicht das Ziel ist 


Wann bin ich endlich darüber hinweg? Vielleicht stellen Sie sich diese Frage, seit eine Kollegin nach drei Monaten gefragt hat, ob Sie jetzt wieder ganz die Alte sind. Oder seit Ihnen auf Instagram eine bunte Grafik begegnet ist, nach der Trauer in 5 Phasen verläuft, ordentlich nacheinander, wie Stationen einer Zugfahrt.

Trauer folgt keinem Stufenplan, auch wenn es im Netz oft so aussieht. Heilung klingt nach Abschluss, nach einem Punkt, an dem alles wieder gut ist. Aber wer trauert, weiß: Es wird nicht mehr so wie früher. Ihr Mensch kommt nicht zurück, und Ihre Trauer verändert sich, ohne je ganz zu verschwinden. Das ist kein Versagen. Es zeigt, wie viel dieser Mensch Ihnen bedeutet.

Wenn mir jemand in der Trauerbegleitung sagt: Ich muss jetzt endlich loslassen, dann frage ich zurück: Wer sagt das? Fast nie ist es die Person selbst. Meistens sind es die Schwester, der Freundeskreis oder ein Ratgeber, den jemand gut gemeint geschenkt hat. Wenn das einmal ausgesprochen ist, sitzen viele plötzlich anders auf dem Stuhl.

Ihr Mensch fehlt Ihnen. Das muss nicht aufhören.

Rituale, die Halt geben


Was soll ich an diesem Tag bloß mit mir anfangen? Wenn ein Feiertag näher rückt, fühlt sich die Zeit davor oft leer und gleichzeitig viel zu voll an. Sie müssen an diesem Tag nichts Großes tun. Manchmal reicht eine einzige Handlung, die Ihnen gehört.

Viele, die ich begleite, finden ihren Halt in kleinen
Ritualen. Eine Frau backt jedes Jahr die Vanillekipferl ihrer Großmutter, nach dem Rezept auf dem vergilbten Zettel in ihrer Handschrift, und verschenkt sie an die Nachbarn. Ein Mann stellt einen Tannenzweig ans Fenster, weil seine Frau das immer am ersten Advent gemacht hat. Ein Sohn trägt am Ostersonntag die alte Armbanduhr seines Vaters, die sonst das ganze Jahr in der Schublade liegt. Andere gehen jedes Jahr denselben Weg, zur selben Uhrzeit.

Manche schreiben an Feiertagen Briefe an ihren Menschen. Und manche schreiben ihm weiter Nachrichten aufs Handy, kurze Sätze, Fotos vom Festessen, obwohl die Häkchen nie mehr blau werden. Wer das tut, weiß genau, dass keine Antwort kommt. Es hilft trotzdem.

In der Trauerbegleitung suchen wir manchmal gemeinsam nach einem Ritual, das zu Ihnen passt. Fast immer steckt es schon in dem, was Sie mir von Ihrem Menschen erzählen.

Wenn Sie nicht mitfeiern wollen


Muss ich da wirklich hin? Die Einladung zum Opferfest bei der Schwiegerfamilie liegt seit Tagen auf dem Küchenschrank, und Freunde fragen schon, ob Sie an Silvester wieder dabei sind. Sie wollen niemanden enttäuschen. Und Sie wissen genau, dass Sie es nicht aushalten werden, wenn alle lachen und anstoßen.

Sie können absagen. Sie können auch hingehen und nach einer Stunde merken, dass es reicht, und dann gehen, ohne sich zu entschuldigen. Das ist Selbstschutz. Wenn Sie weinen möchten, weinen Sie, und wenn Sie an diesem Abend doch lachen können, dann lachen Sie. Beides kann am selben Abend passieren.

Auch die vielen Nachrichten an
Feiertagen können warten. Die Glückwünsche in den Chats, die Herzchen, die Fotos in den Storys, auf denen alle zusammen in die Kamera lächeln. Niemand muss an diesem Tag von Ihnen eine Antwort bekommen.

Viele, die ich begleite, haben irgendwann einen einzigen Satz gefunden, der ihnen das lange Erklären erspart: Dieses Jahr schaffe ich das noch nicht. Wer Sie gernhat, versteht diesen Satz.

Begleitung und Unterstützung in der Metropolregion Rhein-Neckar

Ich will doch niemandem zur Last fallen. Diesen Satz höre ich oft, meistens kurz bevor jemand anfängt zu weinen. Gerade an Feiertagen ziehen sich viele zurück, weil sie die Freude der anderen nicht stören wollen. Sie fallen niemandem zur Last, wenn Sie über Ihren Menschen sprechen möchten.

In
Ludwigshafen, Mannheim, Heidelberg und Worms gibt es Trauercafés und Trauergruppen, oft von Hospizvereinen oder Gemeinden, in denen Sie Menschen treffen, die Ähnliches erlebt haben. Es gibt Gruppen auch online, für alle, denen der Weg zu weit ist oder die lieber vom Sofa aus dabei sind. Und manche schreiben nachts mit einem KI-Chatbot über ihren Verlust, weil um drei Uhr sonst niemand antwortet. Das kann für einen Moment helfen. Einen Menschen, der zuhört und nachfragt, ersetzt es nicht.

Trauerbegleitung ist keine Therapie. Bei mir heißt sie: Da ist jemand, die zuhört, nachfragt und nichts wegerklärt, persönlich, am Telefon oder per Videocall. Viele melden sich im Januar, wenn die Lichterketten abgehängt sind und die Nachrichten weniger werden. Auch dann bin ich da.

Trauer braucht Raum


Wird das jemals leichter? Oft ja, irgendwann. Ganz vorbei ist es vielleicht nie, und auch das ist kein schlechtes Zeichen. Trauer ist kein Fehler im System des Lebens. Sie zeigt, wie viel ein Mensch Ihnen bedeutet hat.

Raum für Trauer heißt, fühlen zu können, schweigen zu können und erinnern zu können, ohne dass jemand auf die Uhr schaut. An Feiertagen fehlt dieser Raum oft, weil alle etwas anderes von Ihnen wollen. Umso wichtiger ist ein Ort, an dem Sie ihn bekommen.

Diesen Raum gebe ich Ihrer Trauer, im
Trauergespräch vor der Trauerfeier und in der Trauerbegleitung danach, so lange Sie ihn brauchen. Wenn Sie vor den nächsten Feiertagen jemanden an Ihrer Seite brauchen, rufen Sie an. Ich bin für Menschen in der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar da.

Ihre Trauer muss nicht heilen. Sie braucht Platz, und den bekommt sie.

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