Wann hört Trauer auf?

Patricia Rind

Wenn das Jahr zu Ende geht und die Trauer nicht

Verschneiter Pfad mit Fußspuren, die in die Ferne führen, Bäume und Zaun am Rand, sanftes Licht.

Wann hört das endlich auf? Vielleicht haben Sie genau diese Frage nachts in Ihr Handy getippt, im Bett, den Bildschirm ganz dunkel gestellt, damit niemand im Haus das Licht sieht. Und jetzt lesen Sie hier, weil Sie hoffen, dass irgendwo eine Zahl steht. Ein halbes Jahr, ein Jahr, vielleicht zwei.

Diese Zahl gibt es nicht, und ich werde Ihnen auch keine erfinden. Was ich Ihnen sagen kann:
Trauer hört selten auf einen Schlag auf. Sie wird anders, in kleinen Schritten, die Sie oft erst bemerken, wenn Sie zurückschauen.

Wenn das Jahr zu Ende geht, wird die Frage oft drängender. Im Fernsehen laufen die Jahresrückblicke, auf Instagram teilen alle ihre guten Vorsätze, und plötzlich fühlt es sich an, als müssten Sie mit dem alten Jahr auch die Trauer hinter sich lassen. Vor dem ersten Todestag geht es vielen genauso, als läge an diesem Datum eine Grenze, hinter der es besser sein müsste.

Als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin in der Metropolregion Rhein-Neckar begleite ich Menschen durch das erste Jahr nach einem Verlust und oft auch darüber hinaus. Wann ihre
Trauer aufhört, weiß ich nicht. Aber ich höre immer wieder, woran sie merken, dass sie sich verändert.


Inhalte


  1. Das erste Jahr ohne Ihren Menschen
  2. Was vom Trauerjahr geblieben ist
  3. Kleine Schritte, die zählen
  4. Wenn um Mitternacht alle anstoßen
  5. Gespräche, die tragen
  6. Leben lernen mit dem, was fehlt

Das erste Jahr ohne Ihren Menschen


Wie soll ich ein Jahr anfangen, das sie nie erleben wird? Der alte Kalender hängt noch in der Küche, und im März steht in ihrer Handschrift ein Termin beim Friseur, zu dem sie nicht mehr gegangen ist. Den neuen Kalender haben Sie gekauft. Er liegt noch eingeschweißt auf der Anrichte.

Viele bringen es nicht über sich, den alten abzuhängen, auch nicht am 1. Januar. Das muss auch nicht an einem bestimmten Tag passieren. Der
Jahreswechsel ist für viele der Moment, in dem ihnen zum ersten Mal klar wird, dass jetzt ein Jahr beginnt, in dem ihr Mensch nicht mehr vorkommt. Das ist ein eigener Schmerz, und er hat einen Namen verdient.

Im ersten Jahr kommt fast jeder Tag, der Ihnen etwas bedeutet, zum ersten Mal ohne sie. Erst der Geburtstag, dann Ostern, irgendwann im Sommer der Hochzeitstag, und am Ende steht der Tag, an dem sie gestorben ist. Jeder dieser Tage kostet Kraft, und zwischen ihnen bleibt oft kaum Zeit, Luft zu holen.

Viele melden sich bei mir kurz vor dem ersten Todestag. Dann sprechen wir über dieses ganze Jahr, auch über das, was Sie geschafft haben, ohne es zu merken. Und manchmal hängen Menschen danach den alten Kalender ab. Manchmal auch nicht.

Was vom Trauerjahr geblieben ist


Müsste es nach einem Jahr nicht langsam besser sein? Diese Erwartung kommt nicht von ungefähr, und sie kommt selten von Ihnen selbst. Sie ist sehr alt.

In der Generation unserer Großeltern trugen Witwen oft ein ganzes Jahr lang Schwarz, danach eine Zeit lang Grau, und erst dann wieder Farbe. Das Trauerjahr gab der
Trauer einen sichtbaren Rahmen. Im Dorf und im Haus wusste jeder Bescheid, und niemand erwartete in dieser Zeit, dass eine Witwe zum Tanz ging.

Von diesem Brauch ist fast nichts übrig geblieben. Kaum jemand trägt heute noch ein Jahr lang Schwarz, und die meisten müssen schon nach spätestens zwei Wochen wieder zur Arbeit. Geblieben ist nur die Frist, die unausgesprochene Vorstellung, dass nach einem Jahr Schluss sein sollte.

Im
Trauergespräch merke ich manchmal, wie lebendig diese alten Bilder noch sind. Eine ältere Frau fragt dann vorsichtig, ob sie zur Trauerfeier ihres Mannes überhaupt etwas Helles anziehen kann, weil er Schwarz an ihr nie mochte. Sie kann. Und die Frist nach einem Jahr müssen Sie genauso wenig einhalten.

Kleine Schritte, die zählen


Woran merke ich überhaupt, dass sich etwas verändert? Meistens nicht an großen Momenten. Die Schritte, von denen mir Menschen erzählen, sind so klein, dass sie ihnen selbst erst auffallen, wenn jemand danach fragt.

Vielleicht wachen Sie eines Morgens auf und denken erst nach dem Zähneputzen an ihn, nicht schon beim ersten Augenaufschlag. Vielleicht läuft im Auto sein Lied, und Sie lassen es zu Ende laufen, statt sofort weiterzuschalten. Oder Sie kündigen nach Monaten endlich seinen Handyvertrag und merken, dass es wehtut, Sie aber nicht mehr den ganzen Tag umwirft.

Viele erschrecken über solche Momente, weil sie glauben, sie würden vergessen. Mit Vergessen hat das nichts zu tun. Ihr Mensch ist an diesem Morgen genauso wichtig wie am Tag zuvor. Die
Trauer lässt Ihnen nur ein kleines Stück mehr Platz zum Atmen.

In der Trauerbegleitung frage ich manchmal danach, was in den letzten Wochen ein bisschen leichter war. Die meisten sagen zuerst: nichts. Und nach einer Weile fällt ihnen doch etwas ein, der Einkauf ohne Tränen an der Kasse oder der Anruf bei der Schwester, der nicht in Weinen geendet hat.

Das ist ein Schritt. Er zählt.

Wenn um Mitternacht alle anstoßen 


Was mache ich bloß um Mitternacht? Im Fernsehen läuft der Countdown, alle zählen laut mit, und dann fallen sich alle in die Arme. Der Mensch, den Sie jedes Jahr als Erstes umarmt haben, ist nicht da.

Viele gehen kurz vor zwölf ins Bad und kommen erst wieder, wenn die Umarmungen vorbei sind. Andere stellen sich auf den Balkon und schauen dem Feuerwerk über den Dächern zu, allein, mit einer Jacke über den Schultern. Und manche gehen um zehn ins Bett, mit Ohrstöpseln, und sind froh, wenn es Morgen ist. Niemand muss Ihnen erklären, welcher Weg der richtige ist.

Eine Minute nach Mitternacht vibriert das Handy, und die ersten Neujahrsgrüße kommen an, mit Raketen und Sektgläsern. Die eine Nachricht, die jedes Jahr als erste kam, fehlt. Für viele ist genau das der schwerste Moment der ganzen Nacht.

Im Januar erzählen mir viele von dieser einen Minute, weit mehr als vom Rest des Abends. Sie haben sie ausgehalten. Auch das gehört zu den kleinen Schritten, selbst wenn es sich in dieser Nacht nicht so angefühlt hat.

Gespräche, die tragen

Mit wem kann ich darüber reden, ohne dass sofort jemand das Thema wechselt? Viele Menschen um Sie herum meinen es gut und wissen trotzdem nicht, was sie sagen sollen. Manche sagen dann gar nichts mehr, und die Nachbarin wechselt auf dem Weg zum Briefkasten plötzlich die Straßenseite.

Das liegt fast nie an Ihnen. Die meisten haben Angst, etwas Falsches zu sagen, und sagen deshalb lieber nichts. Für Sie fühlt sich das an, als hätte Ihr Mensch nie existiert, weil niemand seinen Namen mehr ausspricht.

In der
Trauerbegleitung können Sie seinen Namen so oft sagen, wie Sie wollen. Ich frage nach, ich erinnere mich an das, was Sie mir beim letzten Mal erzählt haben, und ich wechsle nicht das Thema, wenn es schwer wird. Das geht persönlich, am Telefon oder per Videocall, auch Monate nach der Trauerfeier.

Leben lernen mit dem, was fehlt


Kann ich mit dieser Lücke überhaupt leben? Heute fühlt sich das vielleicht unmöglich an. Die meisten Menschen, die ich begleite, können es irgendwann, auch wenn sie es am Anfang selbst nicht geglaubt haben.

Vielleicht kochen Sie in einem Jahr wieder für zwei, weil Ihre Schwester zu Besuch ist, und merken mitten beim Gemüseschneiden, dass Sie summen. Das Lied kennt sie, sie hat es früher immer mitgesungen. Sie stehen da und lächeln und weinen ein bisschen, und dann schneiden Sie weiter.

Wann hört
Trauer auf? Bei den meisten nie ganz. Aber sie nimmt irgendwann nicht mehr den ganzen Raum ein, und das Leben bekommt wieder Platz neben ihr. An manchen Tagen ist sie trotzdem wieder so groß wie am Anfang, an einem Geburtstag, bei einem Lied oder an einem ganz gewöhnlichen Dienstag. Das heißt nicht, dass Sie wieder bei null anfangen. Sie kennen diesen Weg inzwischen, und Sie wissen, dass solche Tage auch wieder vorbeigehen.

Wenn Sie gerade erst einen Menschen verloren haben und eine
Trauerrede für die Trauerfeier suchen, oder wenn Sie im ersten Jahr jemanden an Ihrer Seite brauchen, rufen Sie an. Ich bin für Menschen in Ludwigshafen, Mannheim, Schwetzingen, Worms und in der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar da.

Ein Jahr ist keine Frist. Es ist nur ein Jahr.

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