Wenn Trauer an Feiertagen plötzlich laut wird
Wenn an Feiertagen alles wieder hochkommt

Monatelang haben Sie funktioniert. Sie haben die
Trauerfeier
organisiert und die Formulare ausgefüllt, und jeden Morgen sind Sie aufgestanden und haben irgendwie weitergemacht. Und dann kommen die Feiertage, der Alltag ruht, und ausgerechnet jetzt ist alles wieder da, als wäre es gestern gewesen.
Wenn die
Trauer an Feiertagen plötzlich so laut wird, haben Sie nichts falsch gemacht. Oft kommt der Schmerz erst dann mit voller Wucht, wenn die Ablenkung fehlt. Schmerz, Wut und Schuld, alles, was in den Wochen davor keinen Platz hatte, meldet sich jetzt zu Wort. Das ist schwer auszuhalten, und es gehört trotzdem zur
Trauer.
Das passiert an Weihnachten oder Hanukkah genauso wie an Ostern, am Jahreswechsel oder an einem langen Wochenende, an dem plötzlich niemand anruft. Die Tage werden langsamer, und in die freie Zeit hinein kommt alles, was vorher unter der Oberfläche lag.
Als freie
Trauerrednerin
und
Trauerbegleiterin
in der Metropolregion Rhein-Neckar erlebe ich das oft. Menschen, die bei der Trauerfeier erstaunlich gefasst waren, melden sich Wochen später bei mir, weil sie an einem Feiertag nicht mehr aufhören konnten zu weinen. Ich sage ihnen dann dasselbe, was ich auch Ihnen sage: Diese Gefühle gehören zur
Trauer, und Sie müssen sie nicht allein aushalten.
Inhalte
Wenn Gefühle zurückkehren
Warum ausgerechnet jetzt, wo es doch schon besser ging? Vielleicht reicht ein Foto, das Ihr Handy Ihnen als Erinnerung von vor 3 Jahren anzeigt, oder der Geruch seines Lieblingsessens aus der Küche der Nachbarn, und Sie stehen da und können nicht mehr. Viele erschrecken in solchen Momenten über die Wucht, mit der die
Trauer
zurückkommt.
Sie haben nicht versagt, auch wenn Sie nach Monaten oder Jahren immer noch weinen. Und Sie müssen sich nicht schämen, wenn Sie wütend sind oder sich schuldig fühlen, während alle anderen feiern.
Trauer
hält sich an keinen Zeitplan. Sie kommt zurück, wenn sie Raum bekommt, und an Feiertagen, wenn die gewohnte Hektik fehlt, bekommt sie diesen Raum oft zum ersten Mal.
Da sind Erinnerungen, die wehtun, und Augenblicke, die trösten, oft am selben Tag. Manchmal reicht eine Kleinigkeit, und die Erinnerung wird so stark, dass Sie den Verlust körperlich spüren, im Magen oder im Hals. In solchen Momenten zeigt sich, wie tief Ihre Bindung an diesen Menschen war.
Ihre Trauer setzt diese Liebe fort.
In meinen Gesprächen merke ich immer wieder, wie sehr es Menschen hilft, wenn jemand diese Wucht einmal ausspricht, ohne sie kleinzureden. Wer die eigenen Gefühle zulassen kann, gibt der
Trauer
Raum, sich zu bewegen. Und mit jeder Bewegung, so schmerzhaft sie ist, entsteht ein kleines Stück Raum für das Leben.
Was der Schock verdeckt
Haben Sie sich in den ersten Wochen gewundert, wie ruhig Sie waren? Viele erzählen mir, dass sie bei der Trauerfeier kaum geweint haben und sich dafür fast geschämt haben. Sie haben organisiert und Entscheidungen getroffen und dabei kaum gespürt, was wirklich passiert war.
Dafür müssen Sie sich nicht schämen. In den ersten Tagen und Wochen nach einem Verlust steht vieles unter Schock. Der Körper schützt sich, und die Seele hält den Schmerz zurück, damit Sie das Nötigste schaffen. Viele beschreiben diese Zeit als unwirklich, als wäre das Geschehen im Kopf angekommen und im Herzen noch nicht.
Irgendwann lässt diese Betäubung nach. Besonders an Feiertagen, wenn der Alltag ruht und die Ablenkung fehlt, wird spürbar, was der Schock verdeckt hat. Der Tod wird dann nicht mehr nur verstanden, er wird gefühlt. Kein Anruf mehr und keine Nachricht im Familienchat. Diese Erkenntnis kann tief erschüttern.
Das Herz braucht länger als der Kopf, um zu begreifen. Wenn in dieser Zeit Tränen, Wut oder Schuldgefühle kommen, ist der Verlust innerlich angekommen. Das ist schmerzhaft, und es ist trotzdem ein Anfang. Erst wenn der Schock weicht, kann die
Trauer
sich bewegen und mit der Zeit zu etwas werden, das Sie tragen können.
Tränen, Wut und Schuld
Ist es in Ordnung, so wütend zu sein? Wütend auf die Ärztin, die zu spät reagiert hat, auf das Schicksal, auf die Nachbarn, die ihre Lichterkette aufhängen, als wäre nichts. Oder auf den Menschen selbst, der gegangen ist und Sie allein gelassen hat.
Ja, und Sie sind damit nicht allein.
Trauer
ist selten nur traurig. Wut ist oft der Versuch, Kontrolle über etwas zurückzugewinnen, das sich nicht kontrollieren lässt. Schuldgefühle entstehen meistens aus Liebe, aus dem Wunsch, Sie hätten etwas verhindern oder besser machen können. Hätte ich doch an dem Abend noch angerufen. Hätte ich doch auf die zweite Meinung bestanden. Und Tränen sind die Sprache des Körpers für das, was das Herz allein nicht mehr tragen kann.
An Feiertagen werden diese Gefühle oft besonders heftig, weil sie so weit weg sind von dem, was um Sie herum geschieht. Die Familiengruppe auf dem Handy füllt sich mit Fotos vom geschmückten Baum und vom Festessen, alle wünschen sich frohe Tage, und Sie sitzen da und wissen nicht, was Sie schreiben sollen. Sie müssen gar nichts schreiben.
Wer diese Gefühle wegdrückt, merkt oft, dass sie sich andere Wege suchen, durch Schlaflosigkeit, innere Unruhe oder eine Erschöpfung, die nicht weggeht. Wer weint, sich ärgert oder zweifelt, lebt seine
Trauer. Und genau darüber können wir in der Trauerbegleitung sprechen, ohne dass Sie irgendetwas davon schönreden müssen.
Wenn sich Gefühle widersprechen
Vielleicht fühlen Sie sich erleichtert, und schämen sich genau dafür. Gerade wenn ein Mensch lange krank war, wenn Sie monatelang gepflegt und Nächte im Krankenhaus verbracht haben, kann nach dem Tod neben dem Schmerz auch Erleichterung stehen. Erleichterung, dass das Leiden vorbei ist. Und manchmal auch für sich selbst.
Damit verraten Sie Ihren Menschen nicht. Jedes Gefühl, das in der
Trauer
auftaucht, hat seine Berechtigung, auch die, über die kaum jemand spricht. Viele, die ich begleite, glauben, sie müssten stark sein, und halten deshalb alles zurück. Stärke in der Trauer heißt für mich, den eigenen Gefühlen Raum zu geben, auch den unbequemen.
An Feiertagen wechseln diese Gefühle manchmal innerhalb weniger Minuten. Eben noch Wut, weil das Leben so ungerecht ist, dann Dankbarkeit für all die schönen Jahre, dann wieder Leere. Mit Ihnen ist alles in Ordnung, wenn es so durcheinandergeht. So versucht ein Herz, mit etwas Unbegreiflichem zu leben.
In meiner Arbeit hilft es fast immer, diese Gefühle nicht zu bewerten. Tränen können lösen, und Schuldgefühle zeigen, wie tief Sie verbunden waren. Wenn Sie an einem Feiertag merken, dass Ihnen alles zu viel wird, kann es helfen, sich zurückzuziehen oder mit jemandem zu sprechen, der versteht. Kein Gefühl muss allein getragen werden.
Wenn die Trauer Monate später zurückkommt
Eigentlich war das letzte halbe Jahr gar nicht so schlecht. Und dann kommt Ostern, oder Eid, oder der erste Hochzeitstag, oder der Jahresrückblick in Ihrer Musik-App zeigt Ihnen ausgerechnet die Lieder, die Sie zuletzt zusammen gehört haben. Und die
Trauer
ist wieder da, als hätte sie nur gewartet.
Viele glauben dann, sie müssten längst weiter sein. Dabei verläuft Trauer nicht in einer geraden Linie, und gerade die zweiten und dritten Feiertage ohne Ihren Menschen können überraschend schwer werden. Beim ersten Mal sind oft noch viele da, die an Sie denken. Beim zweiten Mal sind die meisten wieder in ihrem eigenen Leben.
Manchmal kommt die Erinnerung auch ganz unvermittelt aus dem Netz. Ein Profil in den sozialen Netzwerken, das noch online ist, oder eine alte Sprachnachricht, die Sie nicht löschen können. Und plötzlich erinnert Sie das Handy an einen Geburtstag, der nicht mehr gefeiert wird. Für viele ist das tröstlich und schmerzhaft zugleich. Beides kann nebeneinander stehen.
Genau für diese Zeit bin ich auch da. Viele Familien begleite ich Monate nach der Trauerfeier weiter, wenn um sie herum längst alle weitermachen und niemand mehr nachfragt. In der
Trauerbegleitung
können Sie dann von Ihrem Menschen erzählen, so oft Sie möchten, persönlich, am Telefon oder per Videocall.
Wenn Fühlen wieder möglich wird
Und wenn ich irgendwann wieder lache? Für viele ist das fast die schwerste Vorstellung. Dabei ist es oft ein gutes Zeichen, wenn nach der Betäubung wieder etwas spürbar wird, der Schmerz, ja, aber mit ihm auch das Leben.
Wer wieder fühlen kann, ist auf dem Weg zurück ins eigene Leben. Diese Rückkehr ist zart und verletzlich, oft begleitet von Tränen. An Feiertagen, wenn die Erinnerungen lauter werden, zeigt sich, wie nah Sie diesem Menschen einmal waren und wie viel Liebe geblieben ist. Sie tragen ihn oder sie weiter, anders als vorher und oft bewusster.
Viele erkennen diesen Punkt gar nicht als Fortschritt. Sie erschrecken, weil sie glauben, sie fielen zurück. Dabei hat in diesem Moment das Herz, das sich schützen musste, langsam wieder Vertrauen gefasst. Dann hat beides Platz, Schmerz, Wut und Sehnsucht ebenso wie Wärme und vorsichtige Freude. Sie können trauern und trotzdem leben, vermissen und trotzdem lachen.
Wenn die Trauer an den kommenden Feiertagen wieder laut wird und Sie das nicht allein aushalten möchten, dann
rufen Sie an. Ich begleite Menschen in
Ludwigshafen,
Mannheim, Speyer, Schwetzingen und in der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar.
Die Trauer wird lauter, wenn es um Sie herum ruhig wird. Dann hören Sie ihr zu. Sie erzählt von Ihrem Menschen.


