Niemand hat danach gefragt: Warum Grief Tech als Corporate Benefit gefährlich ist
Ich habe es im Sprachtraining erlebt.
Und ich fürchte, es passiert wieder.

Viele Jahre lang gehörte mir ein Unternehmen für Corporate Sprachtraining, und ich habe es selbst geführt. Nach dem Verkauf
bin ich meiner Berufung als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin gefolgt. In der Zeit davor habe ich Unternehmen beraten, Sprachkurse konzipiert und mit Trainerinnen und Trainern gearbeitet, die ihren Beruf liebten und wirklich gut waren in dem, was sie taten. Und ich habe zugeschaut, wie diese Welt sich veränderte, zunächst langsam, dann sehr schnell.
Es begann um 2008 mit den ersten Lernprogrammen, lange vor dem, was wir heute KI nennen. Smartphones gab es noch nicht. Die Programme kamen auf CD, wurden auf einem einzelnen Rechner installiert und waren sehr einfach gebaut. Die Hausaufgaben schickten die Lernenden per E-Mail an ihre Trainerinnen und Trainer, die sie von Hand korrigierten. Gut waren diese Programme nicht. Sie erkannten nicht, wenn jemand einen Fehler aus Gewohnheit machte statt aus Unverständnis, sie beantworteten keine Frage, die über das Skript hinausging, und sie merkten nichts davon, wenn jemand an diesem Tag schlicht nicht aufnahmefähig war. Billig waren sie trotzdem, verglichen mit einer Trainerin, die im Raum steht. Und das reichte.
Die Technologe machte Fortschritte und Unternehmen begannen, diese Lernplattformen als Benefit anzubieten. Englischkurse für alle Mitarbeitenden, kostenfrei, jederzeit verfügbar, vom Sofa aus nutzbar. Das klang gut, und es war auch gut gemeint. Was dabei verloren ging, hat mich damals beschäftigt und beschäftigt mich bis heute: die Begegnung zwischen zwei Menschen, die echte Rückmeldung, die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, die so viel mehr trägt als jeder Algorithmus.
An diese Zeit denke ich oft, wenn ich heute die
Entwicklung von Grief Tech verfolge. Dieselbe Logik, dieselben Versprechen, dieselben blinden Flecken.
Vielleicht arbeiten Sie in der Personalabteilung eines Unternehmens und überlegen gerade, wie Sie Mitarbeitende nach einem Todesfall unterstützen können. Vielleicht ist Ihnen selbst gerade jemand gestorben und Sie haben eine solche Mail bekommen. In beiden Fällen geht es um dieselbe Frage:
Was passiert, wenn Grief Tech nicht mehr gesucht, sondern angeboten wird? Wenn es Teil eines Unternehmenspakets wird, das Sie annehmen, weil es eben da ist?
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Eine Parallele, die mich nicht loslässt
Es gibt Erfahrungen, die frau macht und erst Jahre später wirklich versteht. Die Zeit im Sprachtraining ist eine davon. Ich habe erlebt, wie eine ganze Branche sich veränderte und wie Menschen, die ihren Beruf liebten und gut darin waren, an den Rand gedrängt wurden, weil etwas anderes billiger war. Ich habe das beobachtet, manchmal mit Unverständnis, manchmal mit Frust, immer mit dem Gefühl, dass hier etwas abhandenkommt, das sich schwer benennen lässt und trotzdem sehr real ist.
Heute sehe ich zu, wie Unternehmen beginnen,
KI-gestützte Trauerangebote als Teil ihres Benefitpakets zu diskutieren, und wie dabei dieselbe Sprache auftaucht, die ich aus dem Sprachtraining kenne: niedrigschwellig, skalierbar, rund um die Uhr verfügbar, kosteneffizient. Ich erkenne etwas wieder, und das geht mir seitdem nach.
Beim Sprachtraining und bei Grief Tech steht allerdings Verschiedenes auf dem Spiel. Wenn Sie mit einer App schlechter Englisch lernen als mit einer Lehrkraft, haben Sie Zeit vertan und sich vermutlich geärgert.
Wenn Sie mit einem KI-Avatar trauern, statt begleitet zu werden, riskieren Sie Ihren Trauerprozess, Ihre Erinnerungen und Ihre psychische Gesundheit. Genau deshalb lässt mich diese Parallele nicht in Ruhe.
Erste Ansätze für Grief Tech im Unternehmen gibt es bereits. Chatbots, digitale Gedenkseiten und KI-gestützte Trauerunterstützung werden als Möglichkeit diskutiert, Mitarbeitenden nach einem Todesfall schnell etwas anzubieten. Die Vermarktungslogik ist dieselbe wie bei den Lernplattformen. Ob es hilft oder schadet, wird meist erst im Nachhinein gefragt, wenn überhaupt.
Wie Lernplattformen menschliche Trainerinnen und Trainer verdrängten
Als die ersten digitalen Sprachlernplattformen auf den Markt kamen, war ich mittendrin in der Branche, und ich erinnere mich gut an die Stimmung. Unter den Trainerinnen und Trainern mischten sich Skepsis und Belustigung. Diese Programme, so die verbreitete Einschätzung, könnten niemals ersetzen, was im echten Sprachtraining passiert. Sie beantworteten keine Frage, die nicht im System hinterlegt war. Sie unterschieden nicht zwischen einem Fehler aus Missverständnis und einem aus schlechter Gewohnheit. Oft verstanden sie gesprochene Sprache gar nicht. Sie sahen niemandem an, dass er überfordert war, und sie lenkten das Training nicht spontan in eine andere Richtung, weil die Gruppe an diesem Tag etwas anderes brauchte. Das alles stimmte. Verdrängt haben sie die Trainerinnen und Trainer trotzdem, schnell und konsequent.
Den Ausschlag gab der Preis. Eine Lizenz für eine Lernplattform kostete einen Bruchteil dessen, was eine qualifizierte Lehrkraft kostete. Für Unternehmen, die Sprachkurse als Weiterbildung anboten, war die Rechnung einfach. Die Plattform war billiger, jederzeit verfügbar, für hundert Mitarbeitende gleichzeitig nutzbar, und sie erzeugte Daten, die sich in Berichte schreiben ließen. Wie viele Lektionen abgeschlossen, wie viele Minuten gelernt, wie viele Vokabeln getestet. Das sah nach Leistung aus. Ob danach jemand besser Englisch sprach, stand auf einem anderen Blatt.
Diese Rechnung habe ich von der anderen Seite des Tisches gesehen. Was unsere Lehrkräfte verdienten, hat kein Kunde erfahren, das stand in keinem Angebot. Spürbar war es trotzdem, denn wir haben überdurchschnittlich bezahlt, und deshalb lag unser Honorar über dem der billigen Mitbewerber. Wer gute Leute gut bezahlt, steht bei einem reinen Preisvergleich schlechter da. Für das, was zwischen einer Trainerin und einer Gruppe entsteht, gibt es keine Zeile im Angebot.
Was dabei abhandenkam, ließ sich schwerer messen und deshalb leichter übersehen. Das Vertrauen, das entsteht, wenn jemand merkt, dass die Person gegenüber wirklich zuhört, versteht, wo die Schwierigkeit liegt, und den Weg dahin so erklären kann, dass er für genau diesen einen Menschen funktioniert. Das gemeinsame Lachen über einen Fehler. Der Satz zur richtigen Zeit, wenn jemand kurz davor ist, es sein zu lassen. Das alles steckt in einem Menschen, die ihren Beruf ernst nimmt und weiß, dass Lernen eine Beziehung braucht.
Künstliche Intelligenz kam im Sprachlernen erst später dazu, etwa ab 2016, und sie kam mit den Smartphones. Erst da lagen die Kurse in der Hosentasche, jederzeit, überall. Die Plattformen von heute sind technisch weit besser als die ersten Systeme. Sie analysieren vieles, auch Aussprache, ordnen Fehler ein, erstellen persönliche Lernpfade. Und trotzdem zeigt meine Erfahrung aus der Branche, dass sie eine Lehrkraft nicht ersetzen, auch wenn sie es versprechen. Als Ergänzung sind sie sinnvoll, sie ermöglichen Übung, vermitteln Strukturen und wiederholen Gelerntes. Die Begegnung, die echtes Lernen trägt, ersetzen sie nicht.
Diese Einschätzung stammt aus Beobachtung, über Jahre, in einer Branche, die ich gut kannte. Und aus der Frage, die mich seitdem begleitet: Was passiert, wenn dieselbe Logik auf ein Gebiet trifft, auf dem die Risiken ungleich größer sind?
Grief Tech folgt derselben Logik
Die Sprache, mit der Grief Tech Unternehmen angeboten wird, kommt mir bekannt vor. Niedrigschwellig sei es, skalierbar, rund um die Uhr verfügbar, personalisiert und kosteneffizient. Dieselben Worte, dieselben Versprechen, dahinter dieselbe Rechnung: Ein Mensch kostet mehr als eine Plattform, eine Plattform lässt sich tausend Mitarbeitenden gleichzeitig anbieten, und eine Plattform erzeugt Zahlen, die sich in Berichte schreiben lassen.
Ein etablierter Standard ist das noch nicht, aber die Richtung ist erkennbar. Erste Anbieter positionieren sich ausdrücklich im Unternehmensmarkt, mit Chatbots, digitalen Gedenkplattformen und KI-gestützter Trauerunterstützung als Benefit für Mitarbeitende nach einem Todesfall. Die Argumentation ist nachvollziehbar: Trauernde Mitarbeitende sind weniger produktiv, länger krankgeschrieben, schwerer erreichbar. Ein Angebot, das Unterstützung verspricht, klingt nach Fürsorge, und zum Teil ist es das vielleicht auch. Es ist zugleich ein Geschäftsmodell, und wessen Interessen dabei zuerst bedient werden, halte ich für eine berechtigte Frage.
Was in dieser Rechnung selten auftaucht, sind die Folgen. Im Sprachtraining hieß eine schlechte Plattform, dass jemand weniger gut Englisch lernte. Ärgerlich, aber heilbar. Bei Grief Tech geht es um etwas anderes. Wer mit KI-Avataren und Chatbots trauert, riskiert, dass echte Erinnerungen sich verfälschen, dass emotionale Abhängigkeit entsteht, dass der Abschied hinausgezögert wird und dass ein Prozess, der ohnehin schwer genug ist, durch eine Technologie zusätzlich belastet wird, die nicht versteht, was sie tut. Das sind Risiken, die die Forschung inzwischen klar benennt und die ich in meiner Arbeit als
Trauerbegleiterin
in der Metropolregion Rhein-Neckar vor Augen habe.
Dazu kommt der Zeitpunkt. Ein solches Angebot erreicht Menschen genau dann, wenn ihnen die Kraft fehlt, etwas zu hinterfragen. Am ersten Arbeitstag nach der Beerdigung liegen zweihundert unbeantwortete Mails im Posteingang, und eine davon trägt den Betreff Unterstützungsangebot für Sie. Wer sie in diesem Moment anklickt, prüft keine Datenschutzhinweise und liest keine Studienlage. Angenommen wird, was da ist, weil es da ist, weil zum Suchen nach Alternativen die Kraft fehlt und weil es sich anfühlt, als hätte jemand an einen gedacht. Fürsorge fragt zuerst, was ein Mensch braucht, und bietet erst danach etwas an.
Niemand hat danach gesucht
Am meisten beunruhigt mich eine Frage, die vor der Technologie und vor dem Geschäftsmodell liegt, und auch vor der fehlenden Regulierung, die ich in dieser Reihe schon beschrieben habe. Sie lautet: Wer hat hier eigentlich entschieden?
Wer Grief Tech selbst sucht, hat einen bewussten Schritt getan. Diese Person hat sich mitten im Schmerz entschieden, nach etwas zu greifen, das Linderung verspricht. Das respektiere ich, auch wenn ich die Risiken für erheblich halte. Wer Grief Tech als Benefit vom Arbeitgeber bekommt, hat diese Entscheidung nicht getroffen. Sie hat nicht danach gesucht, nicht abgewogen, vielleicht nicht einmal gewusst, dass es so etwas gibt. Und dann liegt es im Posteingang, als Teil eines Fürsorgepakets, gut gemeint und leicht anzunehmen in einer Woche, in der zum Nachdenken ohnehin die Kraft fehlt.
Dieses Muster kenne ich aus dem Sprachtraining. Mitarbeitende, die von sich aus nie nach einer Lernplattform gesucht hätten, bekamen sie als Benefit angeboten. Manche nutzten sie, manche nicht, und wer sie nicht mochte, hörte einfach wieder auf.
Bei Grief Tech ist das Aufhören kein neutraler Schritt mehr. Wer sich einmal emotional auf einen KI-Avatar eingelassen hat, wer Gespräche geführt und Erinnerungen geteilt hat, wer sich an diese Stimme gewöhnt hat, steht beim Abschalten vor einem zweiten Abschied. Und der ist für viele Menschen mindestens so schwer wie der erste.
Dazu kommt die Frage, was die Menschen eigentlich wissen, die zusagen. Im Sprachtraining war alles transparent. Jemand lernte eine Sprache mit einer App, so weit war die Sache klar. Bei Grief Tech ist sie es nicht. Viele, die ein solches Angebot vom Arbeitgeber erhalten, wissen nicht, was ein KI-Avatar technisch ist.
Sie wissen nicht, was mit ihren Daten geschieht, was die Forschung über die Risiken sagt und worin sich echte Trauerbegleitung davon unterscheidet. Sie wissen, dass jemand an sie gedacht hat, und mitten in der Erschöpfung kann das reichen, um ja zu sagen.
Das ist kein Vorwurf an trauernde Menschen, die solche Angebote annehmen. Mein Vorwurf gilt einer Branche, die diese Angebote macht, ohne dafür zu sorgen, dass verstanden wird, worauf sich jemand einlässt. Und er gilt Unternehmen, die Fürsorge mit Verfügbarkeit verwechseln und glauben, ein digitales Angebot leiste dasselbe wie eine Kollegin, die fragt: Wie geht es dir wirklich? Was brauchst du gerade? Kann ich etwas tun?
Warum dieses Mal mehr auf dem Spiel steht
Den Wandel im Sprachtraining habe ich erlebt und gelernt, damit umzugehen. Die Branche hat sich verändert, manche Kolleginnen und Kollegen haben ihren Weg gefunden, andere nicht. Schmerzhaft war das für viele von uns. Auf dem Spiel standen ein Beruf, ein Einkommen, eine Arbeitsweise. Das ist viel.
Bei Grief Tech geht es um den Trauerprozess eines Menschen, um seine Erinnerungen, um seine psychische Gesundheit und um seine Fähigkeit, mit einem Tod zu leben, der sein Leben für immer verändert hat. Das sind die Folgen, wenn jemand in einem der verletzlichsten Momente seines Lebens von einer Technologie begleitet wird, die nicht versteht, was Trauer ist, die nicht fühlen kann, was gebraucht wird, und die kein Interesse daran hat, ob es diesem Menschen am Ende besser geht.
Beunruhigend finde ich außerdem das Tempo. Im Sprachtraining zog sich die Entwicklung über fast ein Jahrzehnt, und das lag an der Technik. Die Programme von 2008 steckten auf einer CD und liefen auf einem einzelnen Rechner, die Korrektur machten weiterhin Menschen. Bis Smartphones und KI dazukamen, vergingen weitere acht Jahre. Erst danach ging es schnell. Bei Grief Tech ist diese Wartezeit vorbei. Die KI ist da, die Geräte sind da, und jeder Mensch trägt sie ohnehin in der Tasche. Dazu hat der Markt erkannt, dass sich hier Geld verdienen lässt, und ein günstiges Angebot, das sich leicht kommunizieren lässt, klingt für Unternehmen attraktiv, die etwas Gutes tun wollen. Was im Sprachtraining fast zwanzig Jahre brauchte, kann diesmal in zwei geschehen.
Was dabei abhandenkommt, lässt sich schwerer messen als Sprachkompetenz. Wie zeigt sich, ob jemand wirklich Abschied genommen hat? Wie zeigt sich, ob die Erinnerungen unversehrt geblieben sind? Wie zeigt sich, ob eine Trauer gesund verlaufen ist? Diese Fragen passen in kein Dashboard und in keinen Quartalsbericht. Deshalb sind sie in einer Arbeitswelt, die nach Zahlen steuert, besonders gefährdet.
Ich wünsche mir, dass Unternehmen für ihre trauernden Mitarbeitenden da sind, und zwar mehr als bisher. Trauer am Arbeitsplatz wurde lange übergangen, und es ist gut, dass sich das ändert. Meine Bitte ist, diese Aufmerksamkeit in die richtigen Angebote zu lenken. In Trauerbegleitung durch qualifizierte Menschen. In die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen, ohne Druck und ohne die Erwartung, schnell wieder zu funktionieren. In ein Umfeld, das Trauer als das anerkennt, was sie ist: ein menschlicher Vorgang, der Zeit braucht, Raum braucht und echte Begegnung braucht.
Das kann Grief Tech nicht leisten. Trauer ist kein technisches Problem, das sich lösen lässt, sondern ein Vorgang, der Begleitung braucht, und Begleitung kommt von Menschen. Davon bin ich nach allem, was ich erlebt und beobachtet habe, überzeugt.


