Wenn KI Trauer vermarktet: Was mir eine SoMe-Anfrage über Grief Tech gezeigt hat
Wenn Trauer ein Geschäftsmodell ist und Empathie die unbezahlte Zutat

Es gibt Momente, in denen frau sofort weiß, dass etwas nicht stimmt. Nicht weil frau es erklären könnte, nicht weil frau schon alle Fakten kennt, sondern weil etwas in einem reagiert, bevor der Verstand überhaupt anfängt zu analysieren. Als ich vor einiger Zeit eine Kontaktanfrage auf einer Social Media Plattform erhielt, hatte ich genau dieses Bauchgefühl. Noch bevor ich die Nachricht zu Ende gelesen hatte.
Der Mann, der mich kontaktierte, wollte meine Mitarbeit an einem Projekt. Ein KI-System für die
Trauerbewältigung, das mit Fotos und Videos Verstorbener arbeiten sollte, um Hinterbliebenen eine Interaktion mit einer digitalen Version des verstorbenen Menschen zu ermöglichen. Klingt nach
Grief Tech, ist Grief Tech. Aber was mich wirklich aufhorchen ließ, war nicht nur die Idee. Es war das Geschäftsmodell dahinter. Sein Tagessatz, so teilte er mir früh und mit spürbarer Arroganz mit, betrage 2500 Euro. Meine Mitarbeit, meine Expertise als
Trauerrednerin
und
Trauerbegleiterin, mein Zugang zu trauernden Menschen, mein Wissen darüber, was diese Menschen wirklich brauchen, das alles sollte unbezahlt sein. Die Gegenleistung: das gute Gefühl, zu etwas Bedeutsamem beigetragen zu haben. Den Gewinn aus der Plattform, die daraus entstehen sollte, würde er alleine einstreichen.
Ich habe Nein gesagt. Klar, direkt und ohne lange Diskussion. Aber die Begegnung hat mich beschäftigt, weit über das Gespräch hinaus. Weil sie mir etwas gezeigt hat, das ich in dieser Deutlichkeit noch nicht gesehen hatte: wie diese Branche manchmal denkt, wie sie läuft und wen sie dabei im Blick hat. Und wen nicht.
Dieser Beitrag der Reihe ist persönlicher als die anderen. Er erzählt von dieser Begegnung, von meinem Bauchgefühl, von dem Gespräch, das folgte, und von dem, was es exemplarisch über eine Branche aussagt, die mit dem Schmerz anderer Menschen Geld verdienen will. Ich erzähle das nicht, um mich zu profilieren. Ich erzähle es als Warnung.
Inhalte
Eine Nachricht, die mich aufhorchen lies
Wer mich auf einer Social Media Plattform kontaktiert, tut das meist mit einem konkreten Anliegen. Eine Frage zur Trauerrede, eine Kooperationsanfrage von einem Bestattungsinstitut, gelegentlich jemand, der einfach mehr über meine Arbeit wissen möchte. Ich bin dort präsent, weil ich glaube, dass Sichtbarkeit in meinem Beruf und Sichtbarkeit von Trauer wichtig ist. Weil Menschen, die eine Trauerrednerin suchen, sie auch finden sollen. Und weil ich den Austausch mit anderen Menschen, die in verwandten Feldern arbeiten, schätze. Meistens ist dieser Austausch bereichernd. Manchmal ist er erhellend auf eine Weise, die man sich nicht gewünscht hätte.
Diese Nachricht war anders. Schon die Art, wie sie formuliert war, hatte einen Ton, der mich innehalten ließ. Es war kein echtes Interesse an meiner Arbeit spürbar, kein Fragen, was ich tue oder wie ich arbeite, keine Neugier auf das, was mich bewegt. Stattdessen eine Selbstpräsentation, die wenig Raum für Zwischentöne ließ. Der Mann stellte sich vor, skizzierte sein Projekt in groben Zügen und machte dabei unmissverständlich klar, dass er jemanden suchte, die seine Vision unterstützt. Nicht jemanden, mit der er sie entwickelt. Nicht jemanden, deren Perspektive ihn interessiert. Jemanden, die zuarbeitet.
Das Projekt selbst klang beim ersten Lesen nach etwas, das ich aus der wachsenden Grief-Tech-Debatte kannte. Ein
KI-System, das mit Fotos, Videos und persönlichen Daten Verstorbener trainiert werden sollte, um Hinterbliebenen eine interaktive Begegnung mit einer digitalen Version des verstorbenen Menschen zu ermöglichen. Quasi ein Gespräch mit jemandem, der nicht mehr lebt. Eine
Plattform, mit App, auf der
Trauernde
Erinnerungsmaterial hochladen, und die KI daraus eine Version des Verstorbenen erschafft, die antwortet, reagiert, verfügbar bleibt. Rund um die Uhr. Auf Abruf. Gegen Bezahlung.
Ich habe die Nachricht mehr als einmal gelesen. Nicht weil ich unsicher war, was ich davon halten sollte. Mein erstes Gefühl war eindeutig. Es war kein Interesse, keine Neugier, keine Offenheit. Es war Unbehagen. Ein tiefes, mulmiges, sehr klares Unbehagen, das ich in meiner Arbeit gelernt habe ernst zu nehmen. Denn wenn ich mit trauernden Menschen
zusammensitze
und etwas in mir sagt, dass etwas nicht stimmt, dann stimmt meistens tatsächlich etwas nicht. Dieses Gespür hat mich in meiner Arbeit selten getäuscht. Und es hat mich auch in diesem Moment nicht getäuscht.
Ich habe trotzdem weitergelesen. Weil ich verstehen wollte, was genau mich so aufhorchen ließ. Ob es die Idee war, das Geschäftsmodell, der Ton, oder die Kombination aus allem. Je weiter ich las, desto klarer wurde die Antwort. Es war nicht ein einzelner Aspekt. Es war das Gesamtbild. Ein Mensch, der mit dem Schmerz anderer Menschen ein Geschäft machen wollte, der dabei eine klare Vorstellung davon hatte, wessen Arbeit etwas wert war und wessen nicht, und der das mit einer Selbstverständlichkeit kommunizierte, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.
Was mich in diesem ersten Moment am meisten beschäftigte, war eine Frage, die ich mir immer wieder stelle, wenn ich auf solche Projekte stoße. Nicht die Frage, ob die Technologie funktioniert. Oder die Frage, ob es einen Markt dafür gibt. Sondern die Frage, ob die Menschen, die das entwickeln, jemals wirklich mit jemandem zusammengesessen haben, der trauert. Ob sie wissen, wie sich Verlust anfühlt. Ob sie verstehen, was auf dem Spiel steht, wenn man in diesen Moment eingreift. Und ob es ihnen, wenn sie ehrlich sind, überhaupt wichtig ist.
Was er wollte und wie er es präsentierte
Er wollte meine Mitarbeit. Das war von Anfang an klar. Was nicht klar war, zumindest nicht sofort, war unter welchen Bedingungen. Das erfuhr ich im Laufe des Gesprächs, Stück für Stück, und jedes neue Detail ließ mich ein bisschen fassungsloser zurück als das vorherige.
Sein Tagessatz, das erwähnte er früh und mit einer Selbstverständlichkeit, die mich noch heute beschäftigt, betrage 2500 Euro. Er sagte das nicht beiläufig. Er sagte es so, wie jemand es sagt, der möchte, dass man beeindruckt ist. Damit war der Rahmen gesetzt. Er war wichtig. Er war jemand, dessen Zeit viel wert war. Das sollte ich wissen, bevor wir über alles andere sprachen.
Was ich dann erfuhr, war folgendes: Meine Mitarbeit, meine Expertise als
Trauerrednerin
und
Trauerbegleiterin, mein jahrelang aufgebautes Wissen darüber, was trauernde Menschen wirklich brauchen, mein Zugang zu dieser Welt, mein Vertrauen, das mir Menschen in den verletzlichsten Momenten ihres Lebens entgegenbringen, das alles sollte unbezahlt sein. Die Plattform, die aus diesem Projekt entstehen sollte, würde er vermarkten. Den Gewinn würde er einstreichen. Meine Entlohnung wäre, so formulierte er es tatsächlich, das gute Gefühl, zu etwas Bedeutsamem beigetragen zu haben.
Ich saß vor meinem Bildschirm und las das mehr als einmal. Nicht weil ich es nicht verstanden hatte. Vielmeher, weil ich kaum glauben konnte, dass jemand das wirklich so meinte. Dass jemand, der 2500 Euro Tagessatz für sich selbst als angemessen betrachtet, allen Ernstes davon ausgeht, dass eine
Fachfrau
ihre Arbeit, ihre Erfahrung und ihre Integrität kostenlos einbringt. Und das Ganze noch als Privileg verpackt.
Was mich dabei am meisten traf, war nicht die Dreistigkeit des Angebots. Es war das, was dahintersteckte. Die Vorstellung, dass Empathie, echte, gelebte, jahrelang entwickelte
Empathie, keine Arbeit ist. Dass das, was ich tue, wenn ich mit trauernden Menschen zusammensitze,
zuhöre,
begleite, aushalte, irgendwie weniger wert ist als das, was er tut, wenn er eine Plattform baut. Dass meine Rolle in diesem Projekt die der stillen Zuarbeiterin wäre, deren Name vielleicht irgendwo in einem Impressum auftaucht, während er das Produkt verkauft.
Ich kenne dieses Muster. Ich kenne es aus Gesprächen mit anderen Frauen in helfenden Berufen, die immer wieder erleben, dass ihre Arbeit als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Als wäre Fürsorge kein Beruf, sondern eine Haltung, die frau gratis mitbringt. Als wäre das Wissen, das in jahrelanger Begleitung von Menschen in der
Trauer
entsteht, weniger wert als das Wissen, das in Businessplänen und Pitchdecks steckt. Das stimmt nicht. Und ich habe keine Sekunde daran gedacht, es so stehen zu lassen.
Was mein Bauchgefühl sofort wusste
Es gibt eine Fähigkeit, die ich in meiner Arbeit als Trauerrednerin und Trauerbegleiterin über Jahre entwickelt habe, und die ich inzwischen mehr schätze als vieles andere: zu spüren, wenn etwas nicht stimmt. Nicht zu analysieren, nicht abzuwägen, nicht höflich zu relativieren. Einfach zu spüren. Zwischen den Zeilen zu lesen. Diese Fähigkeit entsteht durch jahrelange Arbeit mit Menschen in tiefer Verletzlichkeit. Durch unzählige Gespräche, in denen es darauf ankam, genau hinzuhören, nicht nur auf das, was gesagt wurde, sondern auf das, was zwischen den Worten stand. Durch die stille Schulung, die entsteht, wenn man immer wieder Zeugin von echtem menschlichem Schmerz ist.
Dieses Gespür hatte ich in dem Moment, als ich diese Nachricht las, mit großer Klarheit. Was ich spürte, war kein diffuses Unbehagen, kein vages Gefühl, dass irgendetwas nicht passte. Es war eine direkte, unmissverständliche innere Antwort. Nein. Nicht weil ich das Projekt bereits vollständig durchdacht hatte. Oder weil ich alle Argumente parat hatte, die ich heute in dieser Reihe ausführe. Sondern weil etwas in mir, das aus jahrelanger
Arbeit
mit trauernden Menschen entstanden ist, sofort erkannte, was hier passierte. Und was hier nicht passierte.
Was nicht passierte, war echtes Interesse an trauernden Menschen. Was nicht passierte, war die Frage, was diese Menschen brauchen, was ihnen hilft, was sie schützt. Was nicht passierte, war die Bereitschaft, sich mit der Komplexität von
Trauer
wirklich auseinanderzusetzen. Stattdessen: ein Geschäftsmodell, das Trauer als Markt betrachtet. Trauernde Menschen als Zielgruppe. Und Empathie, echte, gelebte, jahrelang entwickelte Empathie, als kostenlose Ressource, die man anzapfen kann.
Ich kenne dieses Muster aus meiner Arbeit. Ich erlebe es, wenn Menschen zu mir kommen, die in der
Trauer
von anderen instrumentalisiert wurden. Die gespürt haben, dass jemand etwas von ihnen wollte, aber nicht für sie da war. Die den Unterschied zwischen echter Begleitung und professioneller Fürsorge als Fassade irgendwann sehr deutlich gemerkt haben.
Trauernde
Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob jemand wirklich da ist. Ob jemand zuhört, weil er zuhören will, oder weil er etwas braucht. Dieses Gespür ist keine Schwäche. Es ist die Sensibilität, die Verlust mit sich bringt. Und es verdient Respekt.
Was mich innerlich in diesem Moment außerdem beschäftigte, war eine Frage, die über diesen einen Mann weit hinausging. Wenn jemand wie er, der offensichtlich geschäftserfahren ist, der weiß wie man Projekte aufbaut und vermarktet, der selbstbewusst einen Tagessatz von 2500 Euro kommuniziert, wenn dieser Mensch davon überzeugt ist, dass sein Projekt legitim und wertvoll ist, was sagt das dann über eine Branche aus, die solche Projekte hervorbringt? Was sagt es über eine Gesellschaft, in der der Gedanke, aus dem Schmerz
trauernder
Menschen ein Geschäft zu machen, offenbar so naheliegend ist, dass jemand ihn ohne Zögern als Kooperationsanfrage formulieren kann?
Diese Frage hat mich über das Gespräch hinaus beschäftigt. Sie beschäftigt mich bis heute. Und sie ist einer der Gründe, warum ich diese Reihe schreibe. Nicht um diesen einen Mann zu beschreiben. Sondern weil sein Auftreten exemplarisch für etwas ist, das ich für wichtig genug halte, um darüber zu sprechen. Laut und klar.
Das Gespräch, das keines war
Ich habe ihm geantwortet. Weil ich das Gespräch für wichtig genug hielt, um es zu führen. Weil ich glaubte, dass es vielleicht eine Möglichkeit gab, klar zu machen, was mich an diesem Projekt störte. Und weil ich neugierig war, wie jemand reagiert, wenn frau ihm höflich aber direkt sagt, dass seine Vorstellung von Zusammenarbeit nicht funktioniert.
Was folgte, war kein Gespräch. Es war ein Monolog mit Lufthol-Pausen.
Er reagierte auf meine Rückmeldung, dass ich ohne finanzielle Beteiligung nicht mitwirken würde, mit einer Mischung aus Unverständnis und Herablassung, die mich in ihrer Offenheit fast überrascht hätte, wenn ich nicht schon durch mein Bauchgefühl gewarnt gewesen wäre. Er erklärte mir, dass ich den Wert des Projekts nicht verstanden hätte. Dass die Möglichkeit, an etwas so Bedeutsamem mitzuwirken, an sich schon eine Form von Vergütung sei. Dass er mir eine Chance gebe, die andere sich wünschten. Dass meine Bedenken zwar verständlich seien, aber letztlich zeigten, dass ich nicht groß genug dächte.
Ich habe in meinem Leben viele Gespräche geführt, in denen jemand versuchte, meine Einschätzung kleinzureden. Aber selten so unverhohlen. Selten mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als wäre es das Normalste der Welt, einer Fachfrau zu erklären, dass ihre Expertise nichts kostet, solange das Projekt wichtig genug ist. Als wäre der Hinweis auf faire Bezahlung ein Zeichen von mangelnder Vision.
Ich blieb ruhig. Ich wiederholte meine Position. Ich machte klar, dass meine Antwort Nein war und dass sich daran nichts ändern würde. Was dann folgte, überraschte mich dann doch, obwohl ich hätte ahnen können, dass es so kommen würde. Der Ton kippte. Nicht langsam, nicht allmählich. Von einem Satz zum nächsten. Die Höflichkeit, die ohnehin nur eine dünne Schicht gewesen war, verschwand vollständig. Er wurde frech. Dann regelrecht beleidigend. Persönlich, abwertend, in einem Ton, der mit professioneller Kommunikation nichts mehr zu tun hatte. Er schrieb Dinge, die ich hier nicht wiederholen werde, weil sie nichts zu diesem Post beitragen außer dem, was sie ohnehin schon zeigen: dass hinter der professionellen Fassade jemand steckte, dem Respekt vor anderen nur so lange wichtig war, wie er etwas von ihnen wollte. Und der keine Sekunde zögerte, diesen Respekt fallen zu lassen, sobald er merkte, dass er nicht bekommen würde, was er wollte.
Ich habe das Gespräch beendet. Sachlich, ohne Eskalation, ohne mich auf seine Ebene zu begeben. Aber ich wäre nicht ehrlich, wenn ich sagen würde, dass mich das alles vollkommen kalt gelassen hätte. Es hat mich nicht erschüttert. Aber es hat mich betroffen gemacht. Nicht wegen der Beleidigungen, nicht wegen der Dreistigkeit des Angebots. Sondern wegen dem, was diese Begegnung über eine Branche aussagt, die mit
Trauer
Geld verdienen will.
Jemand, der trauernde Menschen wirklich im Blick hätte, würde sich so nicht verhalten. Jemand, dem die Würde von Menschen in Verlust wirklich am Herzen läge, würde nicht beleidigend werden, weil eine Fachfrau faire Bezahlung fordert. Was ich in diesem Gespräch erlebt habe, war kein Ausrutscher. Es war ein Einblick. In eine Haltung, die ich für symptomatisch halte für einen Teil dieser Branche: Empathie als Marketingbotschaft nach außen, Gleichgültigkeit gegenüber Menschen nach innen. Und genau das macht mir Sorgen, weit mehr als die Technologie selbst.
Was dieser Mensch exemplarisch verkörpert
Ich habe lange überlegt, ob ich diese Geschichte überhaupt erzählen soll. Ob es fair ist, eine einzelne Begegnung so in den Mittelpunkt zu stellen. Ob ich damit diesem Mann mehr Aufmerksamkeit gebe, als er verdient. Aber je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir: Es geht nicht um ihn. Es geht um das, wofür er steht. Und das ist eine Geschichte, die erzählt werden muss.
Was dieser Mann verkörpert, ist keine Ausnahme. Er ist ein Beispiel für eine Haltung, die ich in der Grief-Tech-Branche immer wieder erkenne, auch wenn sie selten so unverhohlen kommuniziert wird wie in diesem Fall. Die Haltung, dass
Trauer
ein Markt ist. Dass trauernde Menschen eine Zielgruppe sind. Dass der Schmerz von Menschen, die gerade den schwersten Moment ihres Lebens durchleben, sich in ein skalierbares Geschäftsmodell verwandeln lässt, wenn man nur die richtige Technologie hat und die richtigen Leute dazu bringt, kostenlos mitzumachen.
Was mich dabei am Meisten zum Nachdenken bringt, ist nicht die Dreistigkeit dieser Haltung. Es ist ihre Selbstverständlichkeit. Dieser Mann zweifelte keinen Moment daran, dass sein Projekt legitim war. Er hatte keine Bedenken, keine Fragen, kein Innehalten vor der ethischen Dimension dessen, was er da plante. Er hatte einen Plan, er brauchte Leute, die ihn umsetzten, und er sah nicht ein, warum das nicht funktionieren sollte. Diese Selbstverständlichkeit ist symptomatisch. Sie zeigt, dass in dieser Branche grundlegende Fragen noch nicht gestellt werden. Fragen danach, ob es in Ordnung ist, was man tut. Ob die Menschen, die man als Zielgruppe betrachtet, wirklich im Mittelpunkt stehen. Ob Empathie ein Wert ist, den man schützt, oder eine Ressource, die man ausbeutet.
Ich habe in meiner Arbeit als
Trauerrednerin
und
Trauerbegleiterin
in der Metropolregion Rhein-Neckar gelernt, dass echter Respekt vor trauernden Menschen eine Haltung ist, die man nicht per Marketingstrategie erzeugen kann. Sie entsteht durch Begegnung. Durch Zuhören. Durch die Bereitschaft, auszuhalten, was nicht sofort besser wird. Durch das Verständnis, dass Trauer kein Problem ist, das gelöst werden muss, sondern ein Prozess, der begleitet werden darf. Diese Haltung lässt sich nicht simulieren. Und sie lässt sich nicht in einen Algorithmus übersetzen.
Was dieser Mann mir gezeigt hat, ist dass Grief Tech in Teilen von Menschen entwickelt und vermarktet wird, die diese Haltung nicht haben. Die trauernde Menschen nicht wirklich kennen. Die nie erlebt haben, was es bedeutet, in einem Wohnzimmer zu sitzen und einer Familie dabei zuzuhören, wie sie versucht, das Leben eines Menschen in Worte zu fassen, der gerade gestorben ist. Die nie gespürt haben, welche Verantwortung in diesem Moment liegt. Und die deshalb keine Hemmungen haben, genau diesen Moment zu kommerzialisieren.
Das macht mir Sorgen. Nicht wegen dieses einen Mannes, der längst aus meinem Leben verschwunden ist. Sondern wegen der vielen trauernden Menschen, die auf solche Angebote stoßen werden, in einem Moment, in dem sie wenig Energie haben für kritische Fragen. Die ein warmes Versprechen hören und nicht wissen, was dahintersteckt. Die sich auf eine Plattform einlassen, weil sie Trost suchen, und dabei nicht ahnen, dass hinter dem Produkt jemand stehen könnte, der ihre Trauer als Geschäftschance betrachtet. Diese Menschen verdienen bessere Informationen. Und genau deshalb schreibe ich diese Reihe
Warum ich darüber schreibe
Es wäre einfacher gewesen, diese Erfahrung für mich zu behalten. Sie einfach abzuhaken, weiterzumachen, den Mann und seine Anfrage zu vergessen. Ich hätte es auch als Kuriosität betrachten können, als unangenehme aber letztlich bedeutungslose Begegnung mit jemandem, der keine Rolle in meinem Leben spielt. Aber ich konnte es nicht. Und ich wollte es nicht.
Ich schreibe über diese Erfahrung, weil ich glaube, dass Schweigen in diesem Fall keine neutrale Haltung ist. Weil trauernde Menschen das Recht haben zu wissen, wie diese Branche manchmal funktioniert. Weil die warme, einfühlsame Sprache, mit der Grief-Tech-Produkte vermarktet werden, nicht immer etwas darüber aussagt, was wirklich dahintersteckt. Und weil ich als
Trauerrednerin
und Trauerbegleiterin eine Verantwortung spüre, die über meine eigene Arbeit hinausgeht. Die Verantwortung, laut zu sein, wenn etwas nicht stimmt.
Was mich in dieser Begegnung am nachhaltigsten beschäftigt hat, ist nicht die Frechheit des Mannes, nicht seine Beleidigungen, nicht sein Geschäftsmodell. Es ist die Erkenntnis, dass er symptomatisch ist für etwas Größeres. Dass hinter vielen Grief-Tech-Projekten eine ähnliche Logik steckt, auch wenn sie sich nach außen anders präsentiert. Die Logik, dass Trauer ein Markt ist. Dass Verlust eine Zielgruppe erzeugt. Dass der intimste Moment im Leben eines Menschen eine Geschäftsgelegenheit ist, wenn man nur die richtige Technologie hat.
Ich halte diese Logik für falsch. Nicht weil ich Technologie grundsätzlich ablehne, das tue ich nicht. Im Gegenteil. Sondern weil ich täglich erlebe, was trauernde Menschen wirklich brauchen. Und was sie brauchen, hat nichts mit Algorithmen zu tun. Es hat mit Anwesenheit zu tun. Mit Zuhören. Mit der Bereitschaft, auszuhalten, was nicht sofort besser wird. Mit echten Menschen, die echte Begegnung anbieten. Das lässt sich nicht digitalisieren. Und es sollte nicht digitalisiert werden.
Ich schreibe diese Reihe auch für die Menschen, die vielleicht selbst schon eine solche Anfrage erhalten haben. Die vielleicht zögern, weil das Projekt auf den ersten Blick bedeutsam klingt. Die vielleicht unsicher sind, ob ihre Bedenken berechtigt sind. Sie sind es. Das Unbehagen, das sich einstellt, wenn jemand Trauer als Geschäftsmodell präsentiert, ist kein Zeichen von mangelnder Offenheit. Es ist ein Zeichen von Urteilsvermögen. Und es verdient Vertrauen.
Und ich schreibe diese Reihe für die trauernden Menschen selbst. Für alle, die einen geliebten Menschen verloren haben und vielleicht schon auf ein Grief-Tech-Angebot gestoßen sind oder noch stoßen werden. Die wissen wollen, was dahintersteckt, was die Forschung sagt, was echte Trauerbegleitung bedeutet und wo die Grenzen liegen. Diese Menschen verdienen ehrliche Informationen, keine Werbebotschaften. Und sie verdienen Begleitung, die wirklich trägt, auch wenn sie unbequemer ist als ein Chatbot, der rund um die Uhr verfügbar ist.
Im nächsten Beitrag dieser Reihe geht es um eine besonders vulnerable Gruppe: Kinder, die trauern. Und darum, warum KI in diesem Bereich besonders kritisch zu betrachten ist.


