Erinnerung und Loslassen: Trauer an Feiertagen verstehen
Was bleiben soll und was gehen kann

Wenn ich loslasse, ist er dann ganz weg? Diese Frage steckt hinter vielem, was
Trauer an Feiertagen so schwer macht. Vielleicht halten Sie gerade jetzt an allem fest, an seiner Tasse, an der Reihenfolge der Lieder in der Playlist, an jedem kleinen Handgriff. Sie haben Angst, dass mit jedem Detail, das sich ändert, ein Stück von ihm verschwindet.
Und dann sind da noch die anderen. „Du musst ihn jetzt gehen lassen.“ „Räum doch endlich sein Zimmer aus.“ „Er hätte nicht gewollt, dass du so traurig bist.“ Manchmal kommen solche Sätze als Nachricht mit einem Herz dahinter, manchmal als Spruchbild mit Sonnenuntergang auf Facebook, geteilt von einer Cousine, die es gut meint. Sie kommen oft von Menschen, die Sie gernhaben, und gerade deshalb treffen sie so tief. Viele, die ich begleite, fangen danach an, ihre
Trauer
zu verstecken. Sie weinen im Auto statt zu Hause, und beim Familienessen sagen sie den Namen ihres Menschen nicht mehr, damit niemand die Stirn runzelt.
Erinnern und Loslassen schließen sich nicht aus. Lieben, trauern, loslassen, das geschieht selten ordentlich nacheinander. Oft geschieht alles am selben Abend. Sie können die Erinnerung an Ihren verstorbenen Menschen so lebendig halten, wie es nur geht, und trotzdem Dinge gehen lassen, die nur noch wehtun. Was Sie loslassen, ist selten der Mensch. Meistens ist es eine Form, die es so nicht mehr gibt. Und wann Sie das tun, entscheiden Sie, nicht Ihre Familie und nicht Ihr Freundeskreis.
An
Feiertagen
liegen Erinnern und Loslassen besonders nah beieinander. An Weihnachten und Ostern, beim Zuckerfest oder an Silvester kommen die Familie, die alten Geschichten und die alten Gewohnheiten zusammen. Und mit ihnen die Frage, was davon bleiben soll und was in diesem Jahr gehen kann.
Als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin in der Metropolregion Rhein-Neckar erlebe ich im
Trauergespräch
oft, wie eine Familie zum ersten Mal gemeinsam erinnert. Die eine weiß noch, wie es damals auf Mallorca war, der andere ergänzt, was sie vergessen hat, und am Ende lachen alle über dieselbe Geschichte. Für viele beginnt genau dort das Erinnern, und die
Trauerrede, die manche auch Erinnerungsrede nennen, hält es fest.
Inhalte
Wenn alles so bleiben soll wie früher
Muss dieses Jahr wirklich alles genau so sein wie immer? Vielleicht bestellen Sie die Gans wieder beim selben Metzger, weil er das dreißig Jahre lang so gemacht hat. Und Sie stellen die Krippenfiguren genau dahin, wo er sie immer hingestellt hat, den Esel ein bisschen schief, weil ihm ein Ohr fehlt. Morgens sagen Sie dem Sprachassistenten in der Küche, er soll seine Weihnachtsplaylist spielen, so wie er es jeden Morgen im Advent getan hat. Ist eine Kleinigkeit anders, fühlt es sich an wie ein Verrat.
Dieses Festhalten ist am Anfang oft genau das, was Sie aufrecht hält. Niemand kann von Ihnen verlangen, im ersten Jahr irgendetwas zu ändern. Viele erzählen mir, dass sie jede Tradition mit fast verbissener Genauigkeit weitergeführt haben und dass sie genau das durch die Tage gebracht hat. Andere merken mittendrin, dass es nicht mehr passt. Beides ist eine ehrliche Antwort auf denselben Verlust.
Im Trauergespräch erlebe ich etwas Ähnliches, und es beginnt beim Namen. Gleich am Anfang kläre ich mit der Familie, dass ich ihren Menschen in der Trauerrede gerne beim Vornamen nenne, und frage, wie er gerufen wurde. Mit Duzen hat das nichts zu tun. Ein Nachname klingt nach Behörde und schafft Abstand, und der Rufname ist der, unter dem alle im Raum diesen Menschen kennen. Deshalb spreche ich von Lilo, wenn sie ihr Leben lang Lilo war, und nicht von Lieselotte. Und von Gerhard, wenn ihn nie jemand Gerd genannt hat. Der Name ist wichtig.
Und der Esel in der Krippe steht auch in diesem Jahr ein bisschen schief.
Erinnern, wenn die Familie zusammenkommt
Kann ich an Weihnachten überhaupt von ihm erzählen, ohne allen den Abend zu verderben? Vielleicht sitzen alle beim Essen, und
jeder denkt an ihn, und keiner sagt etwas. Meistens warten die anderen nur darauf, dass jemand den Anfang macht.
Gerade Kinder brauchen diese Geschichten. Ihr jüngster Enkel war 3, als sein Opa starb. Er wird sich nicht an ihn erinnern, wenn ihm niemand von ihm erzählt. Ein
Feiertag, an dem die ganze Familie zusammenkommt, ist dafür oft die beste Gelegenheit, weil alle da sind, die etwas beitragen können.
Manche Familien legen eine gemeinsame Fotogalerie in der Cloud an, in die jeder seine Bilder hochlädt, auch die verwackelten. An Weihnachten schauen sie sie dann zusammen auf dem Fernseher an, und bei jedem dritten Bild ruft jemand: Weißt du noch? Andere erzählen einfach, beim Nachtisch, ohne Fotos.
Im Trauergespräch erlebe ich oft, wie viel dabei in Bewegung kommt. Manchmal sitzen dort Geschwister, die seit Jahren kaum miteinander gesprochen haben, und erzählen plötzlich zusammen von ihrer Mutter, und einer fängt an, wo der andere aufhört.
Und irgendwann fragt der Enkel von sich aus: Erzählst du noch mal, wie Opa auf Mallorca den Mietwagen nicht mehr gefunden hat?
Loslassen heißt nicht vergessen
Was soll ich denn überhaupt loslassen? Ihren Menschen ganz sicher nicht.
Trauer
loslassen, wie es in vielen Ratgebern heißt, klingt, als gäbe es irgendwo einen Knopf, den Sie nur finden müssten.
Was viele tatsächlich loslassen, sind andere Dinge. Die Bilder der letzten Wochen im Krankenhaus, die sich vor alle anderen Erinnerungen schieben. Das Pflegebett, das noch im Wohnzimmer steht. Oder die Rolle, die Sie so lange ausgefüllt haben, als Sie für ihn gesorgt haben, Tag und Nacht. Vielleicht klingelt auf Ihrem Handy noch jeden Morgen um 6 Uhr der Wecker für seine Tabletten, und Sie bringen es nicht über sich, ihn zu löschen.
Wenn andere Ihnen sagen, Sie müssten jetzt loslassen, steckt dahinter oft etwas anderes. Es fällt ihnen schwer, Sie so traurig zu sehen, und sie wissen nicht, was sie tun sollen. Das macht die Sätze nicht leichter. Aber es erklärt, warum sie so oft von den Menschen kommen, die Ihnen am nächsten sind.
In der Trauerbegleitung müssen Sie nichts verstecken. Sie können von ihm erzählen, so oft Sie wollen, weinen, auch wütend sein auf die gut gemeinten Sätze, und niemand runzelt die Stirn. Das geht persönlich, am Telefon oder per Videocall.
Den Wecker löschen Sie, wenn Sie so weit sind. Vielleicht im März. Vielleicht nie.
Wenn das Fest sich verändert
Und wenn ich dieses Jahr einfach alles anders mache? Dann ist das genauso eine Art, mit dem Verlust umzugehen, wie das Festhalten. Niemand vergisst einen Menschen, weil es an Heiligabend Pizza auf dem Sofa gibt statt Gans im Esszimmer.
Manche fahren über die Feiertage weg, weil sie es in der Wohnung nicht aushalten. Andere laden zum ersten Mal Freunde ein statt der ganzen Verwandtschaft, oder die Familie trifft sich per Videoanruf, weil die Tochter aus Hamburg in diesem Jahr nicht kommen kann. Beim Zuckerfest gibt es die Süßigkeiten vielleicht zum ersten Mal vom Bäcker, weil die Hände fehlen, die sie jedes Jahr selbst gemacht haben.
Was Sie dann loslassen, ist das Fest, wie es war. Es lässt sich ohnehin nicht wiederholen, weil der Mensch fehlt, um den sich so vieles gedreht hat. Viele, die ich begleite, sind erleichtert, wenn sie das einmal aussprechen.
Das alte Fest ist vorbei. Ihr Mensch bleibt Teil Ihrer Familie, auch an einem ganz neuen Fest.
Erinnerungen, die Sie festhalten können
Was mache ich nur mit all den Fotos, Briefen und Nachrichten? Vielleicht liegen sie in Schuhkartons, auf drei alten Handys und in einem Mailpostfach, dessen Passwort niemand kennt. Sie müssen nicht alles auf einmal ordnen, und schon gar nicht vor Weihnachten.
Manche machen aus den schönsten Bildern ein Fotobuch, eines für jedes Kind. Andere scannen die Postkarten aus Mallorca ein, mit seiner krakeligen Schrift auf der Rückseite, und schicken sie an die ganze Familie. Und manche sichern die Sprachnachrichten, bevor das alte Handy endgültig den Geist aufgibt, weil seine Stimme sonst mit ihm verschwindet.
Inzwischen gibt es auch Programme, die aus Nachrichten und Sprachaufnahmen eine künstliche Stimme bauen, mit der Sie sprechen können. Für manche ist das ein Trost, für andere ein Schreck.
Über Grief Tech habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben.
Viele legen alles, was ihnen wichtig ist, in eine einzige Kiste. Oft ist die
Trauerrede
eines der ersten Stücke, die hineinkommen.
Wenn Erinnern wieder schön wird
Wird es irgendwann wieder schön, an ihn zu denken? Bei den meisten ja, auch wenn es heute noch unvorstellbar wirkt. Am Anfang tut jede Erinnerung weh. Irgendwann kommt das Lachen zuerst, und die Tränen kommen erst danach, oder gar nicht.
Vielleicht erzählen Sie an einem
Feiertag
in ein paar Jahren die Geschichte mit dem Mietwagen auf Mallorca, und diesmal lachen Sie als Erste. Und irgendwann sagen Sie beim Familienessen seinen Namen wieder laut, ganz selbstverständlich, und niemand runzelt mehr die Stirn.
Wenn Sie gerade eine Trauerrede suchen, in der Ihr Mensch so vorkommt, wie alle ihn kannten, mit seinem Rufnamen und seinen Geschichten, oder wenn Sie jemanden an Ihrer Seite brauchen,
rufen Sie an. Ich bin für Familien in
Ludwigshafen,
Mannheim, Heidelberg, Frankenthal und in der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar da.
Sie müssen ihn nicht loslassen. Nur das, was wehtut.


