An Feiertagen, wenn alles zu viel wird

Patricia Rind

Wenn Sie für alle funktionieren sollen

Eine brennende Kerze auf einer Fensterbank, draußen warme goldene Lichter im unscharfen Hintergrund.

Seit Wochen haben Sie eine Liste auf dem Handy, und sie wird jeden Tag länger. Die Geschenke für die Enkel. Die Weihnachtskarten an die Verwandtschaft, die Sie dieses Jahr zum ersten Mal nur mit Ihrem eigenen Namen unterschreiben. Das Essen am ersten Feiertag, weil alle davon ausgehen, dass es wie immer bei Ihnen stattfindet. Dazu der Brief von der Rentenversicherung, der seit zwei Wochen ungeöffnet auf dem Küchentisch liegt. Und irgendwo zwischen all dem soll noch Platz sein für die Trauer um den Menschen, mit dem Sie das früher alles zusammen gemacht haben.

Dass Ihnen das zu viel wird, ist kein Zeichen von Schwäche. Sie trauern, und
Trauer kostet Kraft, jeden einzelnen Tag. An Feiertagen kommt zu dieser Kraft alles dazu, was andere von Ihnen erwarten. Und vieles, was Sie selbst von sich erwarten.

So geht es vielen nicht nur an Weihnachten. Auch an Ostern, wenn die ganze Familie zu Besuch kommt, beim Zuckerfest, für das jedes Jahr bei Ihnen gekocht wurde, oder beim runden Geburtstag, den jemand trotzdem feiern möchte.

Als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin in der Metropolregion Rhein-Neckar sitze ich oft mit Menschen zusammen, die nach außen alles im Griff haben. Sie organisieren, sie trösten die anderen, sie sorgen dafür, dass die Kinder ein schönes Fest bekommen. Irgendwann im Gespräch frage ich dann: Und wie geht es eigentlich Ihnen? Und dann kommen die Tränen. Oft zum ersten Mal seit Wochen.


Inhalte


  1. Wenn alle von Ihnen ein Weihnachten erwarten
  2. Wenn die Liste immer länger wird
  3. Der Druck, wieder zu funktionieren
  4. Wenn der Körper nicht mehr mitmacht
  5. Was Sie abgeben können
  6. Wenn Fühlen wichtiger ist als Funktionieren

Wenn alle von Ihnen ein Weihnachten erwarten


Wie soll ich den Kindern ein schönes Weihnachten machen, wenn ich morgens selbst kaum aus dem Bett komme?

Ihr Sohn ist 7. Er hat seinen Wunschzettel schon im Oktober geschrieben, mit Glitzerstift, und ganz unten steht: Dass Papa wiederkommt. Sie haben den Zettel in die Schublade gelegt. Wegwerfen konnten Sie ihn nicht, und anschauen auch nicht.

Ihre Kinder brauchen an diesem
Weihnachten kein perfektes Fest. Sie brauchen Sie. Auch mit verweinten Augen, auch mit gekauftem Kartoffelsalat und einem Baum, der dieses Jahr eben kleiner ist. Kinder merken ohnehin, dass jemand fehlt. Wenn Sie vor ihnen weinen, lernen sie, dass Trauer in Ihrer Familie sein kann. Für viele Kinder ist das tröstlicher als eine Mutter, die so tut, als wäre alles wie immer.

Im
Trauergespräch frage ich deshalb auch nach den Kindern. Wie sie ihren Papa genannt haben, was sie mit ihm am liebsten gemacht haben, welches Wort von ihm sie ständig nachgesprochen haben. Oft sind es genau diese Dinge, an denen die Kinder ihren Papa in der Trauerrede wiedererkennen.

Den Wunschzettel heben Sie auf. Irgendwann findet er ihn wieder, und dann erzählen Sie ihm von diesem Weihnachten.

Wenn die Liste immer länger wird


Wann soll ich das alles schaffen?

Das Handy hört nicht auf. In der Familiengruppe wird gewichtelt, und alle wollen wissen, was Sie sich wünschen. Die Kita schickt eine Erinnerung ans Krippenspiel, mit der Bitte, ein Schafskostüm mitzubringen. Jeder Onlineshop meldet sich mit einem Countdown bis Heiligabend. Und abends fällt Ihnen ein, dass sein Streamingabo immer noch jeden Monat vom Konto abgebucht wird, weil niemand es gekündigt hat.

Nicht alles auf dieser Liste muss vor Weihnachten erledigt sein. Vieles wartet auch bis Januar, und manches erledigt sich ganz von selbst, wenn Sie es einfach liegen lassen. Das Schafskostüm kann auch ein weißer Pullover mit Wattebäuschen sein.

Einige Dinge drängen tatsächlich, Fristen bei der Bank, bei Behörden oder beim Nachlassgericht. Dafür gibt es Notarinnen und Fachanwälte, und oft weiß auch das Bestattungshaus, was zuerst kommt. Eine Juristin bin ich nicht. Aber ich kann mit Ihnen sortieren, was davon heute dran ist und was nicht.

In der
Trauerbegleitung nehmen wir uns so eine Liste manchmal gemeinsam vor. Sie lesen vor, ich frage nach, und wir streichen. Meistens bleibt erstaunlich wenig übrig, was wirklich vor dem 24. sein muss. Viele atmen an dieser Stelle zum ersten Mal seit Tagen richtig aus.

Die Weihnachtskarten an die Verwandtschaft gehören selten zu dem, was bleibt.

Der Druck, wieder zu funktionieren


Warum erwarten alle, dass ich wieder ganz normal bin?

Nach der Beerdigung hatten Sie 2 Tage Sonderurlaub. Jetzt steht im Büro der Jahresabschluss an, die Abteilung geht zum Weihnachtsessen, und alle sagen, es würde Ihnen bestimmt guttun, mal rauszukommen. Zu Hause wartet die Familie, die Sie seit Jahrzehnten als die kennt, die alles zusammenhält.

Funktionieren müssen Sie nicht überall. Viele halten im Büro den ganzen Tag durch und brechen zu Hause zusammen, sobald die Wohnungstür hinter ihnen zu ist. Das ist kein Versagen. So schützt sich ein Mensch, der zu viel auf einmal tragen muss.

Zu Hause ist es oft noch schwerer. Ihre Mutter ruft jeden Abend an und fragt, ob Sie etwas gegessen haben, und Sie sagen ja, damit sie sich keine Sorgen macht. Ihre Geschwister fragen, ob Sie das Essen wie immer übernehmen. Alle meinen es gut, und alle lehnen sich ein bisschen an Sie an, obwohl Sie selbst kaum stehen können.

Den Druck spüre ich bei fast allen, die ich begleite, gerade im Dezember. Deshalb sage ich es gleich am Anfang: Bei mir müssen Sie das nicht. Sie können ankommen, durchatmen und erst einmal gar nichts sagen. Wir haben Zeit.

Hier funktioniert niemand.

Wenn der Körper nicht mehr mitmacht

Warum bin ich ständig so müde?

Sie schlafen 10 Stunden und wachen auf, als hätten Sie keine Minute geschlafen. Sie stehen im Supermarkt vor dem Kühlregal und wissen nicht mehr, was Sie holen wollten. Sie lesen eine E-Mail dreimal und haben danach trotzdem nicht verstanden, was drinsteht.

Das ist
Trauer. Sie sitzt nicht nur im Herzen, sie sitzt im ganzen Körper, im Nacken, im Magen, in den Beinen. An Feiertagen fällt diese Müdigkeit oft erst richtig auf, weil der Alltag wegfällt, der Sie bis dahin getragen hat. Wenn Sie allerdings über Wochen kaum schlafen oder kaum essen, gehört das zu Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Dafür müssen Sie sich nicht schämen.

Manche sagen mir einen Termin kurzfristig ab, weil sie nicht die Kraft haben, die Wohnung aufzuräumen. Ich kann mit Unordnung gut leben, wenn Sie sich damit unwohl fühlen sprechen wir eben am Telefon oder per Videocall, vom Sofa aus, im Bademantel. Das ist mir völlig egal. Hauptsache, Sie sind nicht allein damit.

Was Sie abgeben können


Muss das
Weihnachtsessen wirklich bei mir stattfinden?

Nein. Vielleicht wartet Ihre Tochter seit Wochen darauf, dass Sie fragen. Sie hat sich nur nicht getraut, es anzubieten, weil sie dachte, Sie wollten es unbedingt so wie immer. Und die Nachbarin, die beim Bäcker gefragt hat, ob sie irgendetwas tun kann, hat das ernst gemeint.

Wer jahrelang für alle gesorgt hat, kann oft am schwersten Hilfe annehmen. Es fühlt sich an, als würde damit noch etwas verloren gehen, ein Stück von dem Leben, das Sie zusammen hatten. Dabei bleibt dieses Leben Ihres, auch wenn in diesem Jahr ausnahmsweise jemand anderes die Gans in den Ofen schiebt.

Manchmal reicht ein einziger Satz in den Familienchat: Dieses Jahr schaffe ich das Essen nicht, wer übernimmt? Viele, die ich begleite, haben genau diesen Satz wochenlang vor sich hergeschoben. Und dann haben sie ihn abgeschickt.

Meistens melden sich drei auf einmal.

Wenn Fühlen wichtiger ist als Funktionieren


Und wenn ich an Heiligabend einfach nicht kann?

Dann ist das so. Vielleicht sitzen Sie mit Ihren Kindern auf dem Sofa, es gibt Würstchen und den gekauften Kartoffelsalat, im Fernsehen läuft ein Film, den keiner richtig anschaut. Zwischendurch weinen Sie. Ihr Sohn holt die Decke und legt sie Ihnen über die Beine, ohne etwas zu sagen.

Später, beim Zähneputzen, sagt er, es war ein schönes Weihnachten. Er meint es so.

Wenn Sie in diesen Wochen jemanden brauchen, bei dem Sie nicht funktionieren müssen,
rufen Sie an. Die Trauerbegleitung geht persönlich, am Telefon oder per Videocall. Und wenn Sie gerade erst einen Menschen verloren haben und eine Trauerrede brauchen, auch kurz vor den Feiertagen, nehme ich Ihnen so viel ab, wie ich kann. Ich bin für Familien in Ludwigshafen, Mannheim, Schwetzingen, Bad Dürkheim und in der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar da.

Weihnachten kommt auch, wenn Sie nichts vorbereitet haben.

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