Im Podcast über meine Arbeit als freie Trauerrednerin
Warum ich über Trauerreden spreche bevor man sie braucht

In dieser Podcastfolge von "Von Menschen lernen" mit
Sven Frank
habe ich über meine Arbeit gesprochen, die viele Menschen erst dann wirklich sehen, wenn ein Mensch gestorben ist. Dann ist oft alles gleichzeitig da.
Trauer, Überforderung, Entscheidungen, Termine, Fragen. In diesem Moment rufen mich Angehörige an und ich höre häufig zuerst nicht Ordnung, sondern Chaos. Genau deshalb ist mir wichtig, offen zu erklären, wie meine Begleitung beginnt, wie ein
Trauergespräch
abläuft und wie aus Erinnerungen eine
Trauerrede
entsteht, die trägt.
Ich schreibe keine Texte nach Muster. Jede Trauerrede ist ein Unikat, weil jedes Leben ein Unikat ist. Ich arbeite als freie Trauerrednerin undTrauerbegleiterin
in der Metropolregion Rhein Neckar und ich erlebe immer wieder, wie entlastend es sein kann, wenn jemand nicht nur fragt, sondern wirklich zuhört. Im Trauergespräch entsteht keine Aufzählung von Daten. Es entsteht ein Bild. Mit Wärme, mit Wahrhaftigkeit, ohne Pathos. Auch schwierige Beziehungen und Brüche haben darin ihren Platz, weil Trauer sonst nicht ehrlich sein kann.
In der Podcastfolge erzähle ich auch,wie ich zu dieser Aufgabe gekommen bin. Ich komme ursprünglich aus Kanada, war viele Jahre Unternehmerin und habe durch eigene Abschiede verstanden, was eine Trauerfeier anrichten kann, wenn sie lieblos wird, und was sie geben kann, wenn sie würde- und liebevoll ist. Ich spreche darüber, wie ich Trauerfeiern leite, wie ich Musik einbinde, warum ich Reden minutengenau ausarbeite und warum Angehörige die Trauerrede nach der Trauerfeier von mir erhalten. Am Ende geht es immer um dasselbe. Um Orientierung, wenn der Boden wankt. Um Worte, die nicht beschönigen und dennoch trösten. Und um einen
Abschied, der den Lebenden hilft, den ersten Schritt zu gehen.
Inhalte
- Wie der erste Kontakt abläuft und warum ein Telefonat oft schon entlastet
- Das Trauergespräch als Raum für Erinnern, Tränen und auch Lachen
- Warum jede Trauerrede ein Unikat ist und keine Konserve
- Ehrlich schreiben ohne Abrechnung und ohne Schonungslosigkeit
- Wenn Beziehungen schwer waren und trotzdem Liebe da ist
- Warum ich auch vor einer leeren Trauerhalle spreche
- Wie ich eine Trauerrede schreibe und warum Kürzen oft am schwersten ist
- Zeit, Musik und Ablauf in der Trauerhalle und am Grab
- Christliche Elemente ohne kirchliche Bindung
- Warum Angehörige die Trauerrede nach der Trauerfeier erhalten
- Vorsorge als Fürsorge und was wirklich entlastet
- Die Podcastfolge zum Nachhören
Wie der erste Kontakt abläuft und warum ein Telefonat oft schon entlastet
Wenn mich Angehörige
kontaktieren, geschieht das meist in einer Situation, die sie so noch nie erlebt haben. Man hat keine Routine im Abschiednehmen. Und plötzlich müssen Entscheidungen getroffen werden, während innerlich oft noch kaum etwas greifbar ist. Ich erlebe in diesen ersten Gesprächen sehr unterschiedliche Zustände. Manche wirken erstaunlich organisiert. Sie haben bereits Listen erstellt, Termine abgestimmt, Abläufe durchdacht. Diese Struktur ist oft ein Schutz. Ein Coping Mechanismus. Man funktioniert, weil funktionieren gerade notwendig ist.
Andere sind tief erschüttert, ringen um Worte, verlieren den Faden. Auch das ist vollkommen normal. Trauer ist individuell. Und sie zeigt sich vom ersten Moment an unterschiedlich. Genau deshalb ist mir dieses erste Telefonat so wichtig. Hier beginnt oft bereits die eigentliche Trauerbegleitung.
In diesem
Gespräch vereinbaren wir nicht nur einen Termin für das Trauergespräch. Ich erkläre auch sehr ruhig und transparent, wie der weitere Ablauf aussieht. Wie wir gemeinsam eine
Trauerfeier
gestalten.
Wie eine individuelle Trauerrede entsteht. Welche
Schritte
auf die Angehörigen zukommen und welche Aufgaben ich übernehme. Allein diese Struktur bringt häufig eine erste Entlastung. Denn inmitten von Unsicherheit hilft Klarheit.
Ich höre im ersten Gespräch sehr genau zu. Nicht nur auf das, was gesagt wird, sondern auch auf die Zwischentöne. Ist da Anspannung. Ist da Wut. Ist da Erleichterung. Ist da Ambivalenz. Es gibt Situationen, in denen ein Mensch gestorben ist, der sehr geliebt wurde. Und es gibt Situationen, in denen ein Leben kompliziert war, vielleicht sogar belastend. Beides darf Raum haben. Und beides braucht eine andere Form von Begleitung.
Als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin in der Metropolregion Rhein Neckar sehe ich meine Aufgabe nicht nur darin, später eine Lebensrede zu schreiben. Ich beginne bereits im ersten Kontakt damit, Orientierung zu geben. Ich schaffe einen Rahmen, in dem Fragen gestellt werden dürfen. Ich nehme Unsicherheiten ernst. Und ich signalisiere, dass niemand diesen Weg allein gehen muss.
Viele Angehörige
sagen
mir nach diesem ersten Telefonat, dass sie ein Stück ruhiger geworden sind. Nicht, weil der Verlust weniger schmerzhaft wäre. Sondern weil sie wissen, dass jemand da ist, der sie durch die nächsten Schritte begleitet. Und genau das ist der Anfang meiner Arbeit.
Das Trauergespräch als Raum für Erinnern, Tränen und auch Lachen
Das Trauergespräch ist für mich der zentrale Moment meiner Arbeit als freie Trauerrednerin. Hier entsteht die Grundlage für die Trauerrede. Und auch hier nimmt Trauerbegleitung eine wesentliche Rolle ein.
Ich treffe die Hinterbliebenen an einem Ort, den sie wählen. Meist ist es ihr Zuhause. Manchmal wünschen sie sich einen neutralen Raum. Manchmal sind einzelne Familienmitglieder per Videogespräch zugeschaltet, weil sie weiter entfernt leben. Entscheidend ist nicht der Ort, sondern dass sich die Menschen sicher fühlen.
Ich bringe eine innere Struktur mit. Über die Zeit habe ich Fragen entwickelt, die helfen können, ein Leben in seiner Vielfalt zu erfassen. Ich arbeite jedoch keinen festen Fragenkatalog ab. Trauer ist kein Interview. Und ein Mensch lässt sich nicht in einer linearen Liste erfassen. Die Fragen sind Ankerpunkte, wenn Erinnerungen im Gefühlschaos verschwimmen oder wenn jemand sagt, mir fällt gerade nichts ein. Gerade in der ersten Phase nach einem Todesfall ist das häufig so.
Ein Trauergespräch dauert in der Regel mindestens zwei Stunden. Oft länger. Ich setze kein Zeitlimit. Es gibt Familien, die sehr klar erzählen. Und es gibt Gespräche, in denen zunächst viel geschwiegen wird. Beides ist in Ordnung. Es wird geweint. Das gehört dazu. Aber es wird auch gelacht. Wenn Anekdoten erzählt werden. Wenn Eigenheiten wieder lebendig werden. Wenn jemand sagt, weißt du noch, wie er immer. In diesen Momenten entsteht Nähe.
Ich erlebe auch, dass Menschen mir Dinge anvertrauen, die sie nicht in der
Trauerrede
hören möchten. Sätze wie das erzähle ich Ihnen, aber bitte nicht öffentlich kommen vor. Das nehme ich sehr ernst. Eine Trauerrede muss ehrlich sein. Aber sie ist kein Ort für Bloßstellung. Dieses Austarieren zwischen Wahrheit und Schutz beginnt bereits im Gespräch.
Manchmal ist das Trauergespräch für die Hinterbliebenen das erste Mal, dass sie alles aussprechen dürfen. Ohne unterbrochen zu werden. Ohne bewertet zu werden. Viele sagen mir im Nachhinein, dass allein dieses
Zuhören
entlastend war. In solchen Momenten wird deutlich, dass meine Arbeit nicht nur das Schreiben einer Lebensrede ist. Sie ist auch Begleitung in einer Situation, in der Worte schwerfallen und gleichzeitig dringend gebraucht werden.
Aus diesen Gesprächen entsteht später eine Trauerrede, die trägt. Nicht als Zusammenfassung von Daten, sondern als verdichtetes Bild eines Lebens.
Warum jede Trauerrede ein Unikat ist und keine Konserve
In der Podcastfolge habe ich erzählt, dass ich mein Leben lang beruflich gesprochen habe. Ich stand in großen Räumen, habe geführt, erklärt, strukturiert. Worte waren für mich immer ein selbstverständliches Werkzeug. Aber erst durch eigene Abschiede wurde mir klar, welche Verantwortung Worte im Moment der
Trauer
tragen.
Innerhalb weniger Wochen habe ich drei Beerdigungen in der unmittelbaren Familie erlebt. Zwei Trauerreden waren so lieblos und unpräzise, dass sie die Situation für die Angehörigen zusätzlich schmerzhaft machten. Ein falscher Name. Austauschbare Formulierungen. Kein echtes Bild des Menschen. Das hat mich tief getroffen.
In diesem Kontrast wurde mir bewusst, was ich anders machen will. Eine Trauerrede darf nicht aus Floskeln bestehen. Sie darf nicht allgemein klingen. Und sie darf vor allem nicht so wirken, als könnte sie auch für jemand anderen gehalten werden.
Wenn ich eine Lebensrede schreibe, beginne ich sehr zeitnah nach dem Trauergespräch. Alles ist noch frisch. Ich schreibe intuitiv, manchmal sehr umfangreich. Diese erste Fassung ist immer zu lang. Danach beginnt die eigentliche Arbeit. Ich lasse den Text ruhen. Ich lese ihn erneut. Ich kürze. Ich schärfe. Ich prüfe jedes Wort. Eine freie Trauerrede braucht Präzision. Sie muss in den zeitlichen Rahmen derTrauerfeier
passen. Und sie muss innerlich stimmig sein.
Für mich entsteht jede Trauerrede aus Begegnung. Aus Zuhören. Aus dem Versuch, einem Menschen gerecht zu werden, auch wenn sein Leben nicht glatt oder einfach war. Genau deshalb kann sie keine Konserve sein.Sie ist ein Unikat. Und sie bleibt es.
Wie ich eine Trauerrede Schritt für Schritt entwickle, beschreibe ich hier ausführlich auf einer eigenen Seite.
Ehrlich schreiben ohne Abrechnung und ohne Schonungslosigkeit
Eine Trauerrede muss ehrlich sein. Das sage ich nicht leichtfertig. Im Podcast habe ich sehr klar formuliert, dass Lügen niemandem helfen. Wenn ich über einen Menschen spreche, dann darf das, was gesagt wird, nicht künstlich beschönigt sein. Die Menschen im Raum wissen ohnehin, wie dieser Mensch war. Eine Rede, die ein vollkommen falsches Bild zeichnet, wird sofort als unecht wahrgenommen.
Gleichzeitig ist eine Trauerrede kein Ort für Abrechnung. Ich habe selbst Reden erlebt, in denen unterschwellig oder sogar offen bewertet wurde. Das kann für Angehörige zutiefst verletzend sein. In einer ohnehin belastenden Situation entsteht dann zusätzlicher Schmerz. Das darf nicht passieren.
Zwischen diesen beiden Polen bewege ich mich. Ehrlichkeit ohne Schonungslosigkeit. Wahrhaftigkeit ohne Bloßstellung. Das ist eine sehr feine Linie. Gerade wenn ein Leben Brüche hatte, wenn Beziehungen
schwierig
waren oder wenn es ungelöste Konflikte gab, braucht es Sensibilität. Ich formuliere so, dass das Wesentliche sichtbar wird, ohne jemanden zu beschädigen.
Eine freie Trauerrede ist immer für die Lebenden gedacht. Sie sitzen in der Trauerhalle. Sie hören zu. Sie tragen die Erinnerungen weiter. Deshalb frage ich mich bei jedem Absatz, bei jedem Satz: Hilft das den Hinterbliebenen. Macht es diesen ersten Schritt nach der Trauerfeier ein wenig tragbarer. Oder würde es etwas unnötig aufreißen.
Diese innere Haltung ist für mich Teil meiner Verantwortung als Trauerrednerin und Trauerbegleiterin. Ich möchte eine schmerzliche Zeit nicht verschärfen. Ich möchte sie auch nicht überdecken. Ich möchte sie
begleiten. Und das bedeutet, Worte sehr bewusst zu wählen und manches bewusst nicht auszusprechen.
Wenn Beziehungen schwer waren und trotzdem Liebe da ist
Nicht jedes Leben war leicht. Und nicht jede Beziehung war harmonisch. Im Podcast habe ich davon erzählt, dass ich immer wieder mit Situationen konfrontiert bin, in denen ein Mensch gestorben ist, der für seine Angehörigen nicht nur Wärme, sondern auch Schmerz bedeutet hat. Es gibt
Ehen, in denen gelitten wurde.
Eltern, die hart oder unnahbar waren.
Familiengeschichten
mit Brüchen, mit Enttäuschungen, mit Verletzungen.
In solchen Fällen ist das Trauergespräch besonders sensibel. Ich höre zu, wenn mir eine Witwe von vierzig Jahren Ehe erzählt, die von Dominanz oder Kälte geprägt waren. Ich höre zu, wenn ein Sohn berichtet, wie sehr er sich Anerkennung gewünscht hätte. Und ich höre auch die Sätze, die oft im gleichen Atemzug kommen. Er war manchmal auch anders. Es gab Momente, in denen er liebevoll war. Oder sie war streng, aber sie hat immer für uns gesorgt.
Diese Ambivalenz ist menschlich. Ein Leben besteht selten nur aus hell oder dunkel. Und genau das muss eine Trauerrede abbilden können. Sie darf nicht verklären. Aber sie darf auch nicht richten. Wenn ich über einen Menschen spreche, der schwierig war, suche ich nach dem, was wahr ist und was trägt. Manchmal liegt der Schwerpunkt dann nicht ausschließlich auf dem Verstorbenen, sondern auch auf den Hinterbliebenen. Auf ihrer Kraft. Auf dem, was sie trotz allem gegeben haben.
Ich erinnere mich an eine Situation, in der eine Ehe über viele Jahre belastend war und der Mann am Ende pflegebedürftig wurde. Die Witwe erzählte mir lange von der Härte dieser Beziehung und bat mich zugleich, vieles nicht öffentlich zu sagen. In der Trauerrede habe ich dann den Fokus auf ihre Fürsorge gelegt. Auf ihre Beständigkeit. Auf ihre Liebe, die trotz allem da war. Für sie war es tröstlich, gesehen zu werden. Und auch für die Kinder war es wichtig, dass die Geschichte ihrer Mutter Raum bekam.
Als freie Trauerrednerin weiß ich, dass
Trauer
nicht nur aus Sehnsucht besteht. Manchmal mischen sich Erleichterung, Schuldgefühle oder ungelöste Fragen hinein. All das darf im Gespräch ausgesprochen werden. In der Lebensrede selbst wähle ich Worte, die die Komplexität respektieren, ohne zu verletzen. So entsteht eine Form von Würdigung, die nicht idealisiert, sondern menschlich bleibt.
Gerade in solchen Situationen wird deutlich, dass eine Trauerrede nicht nur eine Rückschau ist. Sie ist auch ein Schritt in die Zukunft. Ein Moment, in dem Angehörige sich selbst neu verorten dürfen. Nicht nur als Hinterbliebene, sondern als Menschen mit ihrer eigenen Geschichte.
Warum ich auch vor einer leeren Trauerhalle spreche
Eine der eindrücklichsten Erfahrungen meiner bisherigen Arbeit als Trauerrednerin war eine Trauerfeier, zu der niemand kam. Kein Familienmitglied. Kein Freund. Nur die Mitarbeitenden des Bestattungsinstituts waren anwesend. Die Halle war groß. Und sie blieb leer.
Der Verstorbene war ein schwieriger Mensch gewesen. Die Beziehung zu seinem Sohn war belastet. Es hatte über Jahre kaum Kontakt gegeben. Am Tag der Trauerfeier erhielt ich eine Nachricht, dass der Sohn es emotional nicht schaffen würde zu kommen. Ich stand also vor der Entscheidung, ob ich die Trauerrede halte oder nicht.
Für mich stellte sich diese Frage nur sehr kurz. Ich war beauftragt worden, eine Trauerrede zu schreiben und eine
Trauerfeier
zu gestalten. Aber es ging nicht nur um einen Auftrag. Es ging um Haltung. Ein Mensch war gestorben. Und unabhängig davon, wie er gewesen war, hatte er Würde.
Ich habe die Rede gehalten. In dieser großen, leeren Trauerhalle. Ich bin anschließend auch ans Grab gegangen und habe das Vaterunser gesprochen, wie es zuvor vereinbart worden war. Die Rede war ursprünglich für die Lebenden geschrieben worden, für den Sohn, für seine Familie. Sie waren nicht da. Und dennoch war es richtig, sie zu sprechen.
Diese Erfahrung hat mir noch einmal deutlich gemacht, warum ich sage, dass ich eine Trauerrede nicht für die Toten halte, sondern für die Lebenden. Auch wenn sie in diesem Moment physisch nicht anwesend sind. Die Würde eines Menschen endet nicht mit seinem schwierigen Charakter. Und meine Aufgabe endet nicht, nur weil die Stuhlreihen leer bleiben.
Ich bin an diesem Tag ruhig nach Hause gegangen. Nicht erschüttert, nicht dramatisch bewegt. Sondern mit dem Gefühl, meiner Verantwortung gerecht geworden zu sein. Diese innere Klarheit ist Teil meiner Arbeit als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin. Sie trägt mich auch dann, wenn eine Situation außergewöhnlich ist.
Wie ich eine Trauerrede schreibe und warum Kürzen oft am schwersten ist
Nach dem Trauergespräch beginne ich sehr zeitnah mit dem
Schreiben der Trauerrede. Alles ist noch frisch. Stimmen, Formulierungen, kleine Details, die im Gespräch gefallen sind. Ich schreibe zunächst ohne strenge Begrenzung. Diese erste Fassung ist fast immer zu lang. Und das ist gut so. In diesem ersten Schritt darf alles da sein.
Danach beginnt die eigentliche Arbeit. Ich lasse den Text mindestens einen Tag ruhen, wenn es der zeitliche Rahmen erlaubt. Gerade bei einer
Erdbestattung
ist die Zeit zwischen Tod und Trauerfeier oft sehr knapp. Bei einer
Feuerbestattung
bleibt manchmal etwas mehr Raum. Unabhängig davon ist mir wichtig, mit Abstand erneut auf die Rede zu schauen. Mit klarem Blick. Mit innerer Ruhe.
Dann kürze ich. Und das ist der schwierigste Teil. Ein Leben lässt sich nicht vollständig in zwanzig Minuten fassen. Eine Trauerfeier in der Trauerhalle hat meist einen festen Zeitslot. Oft stehen mir rund dreißig Minuten zur Verfügung, inklusive
Musik. Wenn ein Musikstück sieben Minuten dauert, bleiben für die Trauerrede zwanzig oder einundzwanzig Minuten. Das bedeutet, ich muss sehr genau arbeiten. Jede Passage wird geprüft. Was trägt wirklich. Was ist schön, aber nicht notwendig. Wo entsteht Wiederholung. Wo kann ich verdichten, ohne etwas Wesentliches zu verlieren.
Diese Präzision ist kein technisches Detail. Sie ist Teil der Würde einer Trauerfeier. Die Angehörigen sollen sich nicht gehetzt fühlen, aber auch nicht überfordert. Die Rede muss in den Ablauf passen. Musik,
Rituale, Gang zum Grab, all das greift ineinander.
Als freie Trauerrednerin ist es mir wichtig, dass eine Lebensrede sowohl inhaltlich als auch formal stimmig ist. Sie soll ein Bild zeichnen, das wiedererkannt wird. Und sie soll den Rahmen respektieren, in dem die Trauerfeier gestaltet wird. Deshalb schreibe ich nicht nur mit Herz, sondern auch mit Struktur. Beides gehört für mich untrennbar zusammen.
Zeit, Musik und Ablauf in der Trauerhalle und am Grab
Eine Trauerfeier ist nicht nur eine Rede. Sie ist ein Ablauf, der trägt oder verunsichert. Deshalb stimme ich mich im Vorfeld sehr genau mit den Angehörigen, mit dem Bestattungsinstitut und mit den Mitarbeitenden des Friedhofs ab. Wer setzt die Musik ein. Wann wird sie ausgeblendet. Wann beginnt die Trauerrede. Wer spricht vielleicht noch ein persönliches Wort. All das klären wir vorab, damit in der Trauerhalle Ruhe entstehen kann.
Musik spielt dabei eine besondere Rolle. Viele Familien wählen Lieder, die eine gemeinsame Geschichte haben. Manchmal sind es klassische Stücke, manchmal moderne Songs. Ich lasse mir die genaue Länge geben, damit ich meine Rede minutengenau anpassen kann. Wenn ein Musikstück mehrere Minuten dauert, muss die Trauerrede entsprechend präzise gestaltet werden. Diese Planung wirkt nach außen unspektakulär, aber sie schafft Sicherheit. Die Angehörigen können sich auf den Moment konzentrieren, ohne sich um Abläufe sorgen zu müssen.
Während der Trauerfeier übernehme ich die Leitung. Ich gebe Zeichen für die Musik. Ich führe durch die einzelnen Elemente. Wenn die Beisetzung direkt im Anschluss stattfindet, begleite ich die Familie auch ans Grab. Dort sprechen wir, wenn gewünscht, ein Gebet oder ein Gedicht. Manche wünschen sich das
Vaterunser. Andere bevorzugen ein stilles gemeinsames Innehalten. Auch hier gilt: Die Gestaltung richtet sich nach den Menschen, nicht nach einem festen Schema.
Als freie Trauerrednerin erlebe ich immer wieder, wie wichtig dieser geordnete Rahmen ist. In einer Situation, in der innerlich vieles unübersichtlich ist, hilft ein klarer Ablauf. Er gibt Halt. Und er schafft Raum für das Wesentliche: Abschied nehmen.
Christliche Elemente ohne kirchliche Bindung
Viele Menschen, die mich als freie Trauerrednerin anfragen, haben keinen formalen Bezug mehr zur Kirche. Manche sind ausgetreten. Andere fühlen sich institutionell nicht mehr verbunden. Und dennoch erlebe ich immer wieder, dass
christliche Elemente
in der Trauerfeier gewünscht sind. Ein Gebet. Ein biblischer Gedanke. Das Vaterunser am Grab.
Glaube ist für viele etwas sehr Persönliches. Er verschwindet nicht automatisch mit einer Mitgliedschaft. In der Podcastfolge habe ich beschrieben, wie breit das Spektrum ist. Es reicht von klarer Ablehnung religiöser Inhalte bis hin zu Menschen, die tief gläubig sind, aber aus unterschiedlichen Gründen keine kirchliche Bestattung erhalten. In dieser Spannbreite bewege ich mich.
Ich passe die Trauerrede und die Gestaltung der Trauerfeier behutsam an das an, was wirklich gewollt ist. Nicht an das, was man vermeintlich erwartet. Wenn christliche Worte Trost spenden, integriere ich sie gerne. Wenn sie nicht gewünscht sind, finden wir andere Formen von Halt. Für mich steht im Mittelpunkt, dass die Lebensrede und die gesamte
Abschiedsgestaltung
stimmig sind. Sie sollen sich nicht wie ein Kompromiss anfühlen, sondern wie eine bewusste Entscheidung.
Als Trauerbegleiterin ist es mir wichtig, zwischen den Zeilen zu hören. Manchmal äußern Menschen ihre Wünsche sehr klar. Manchmal sind sie unsicher und tasten sich heran. Auch hier braucht es Zeit und Sensibilität. Eine Trauerfeier kann sehr persönlich und dennoch würdevoll sein, mit oder ohne religiöse Elemente. Entscheidend ist, dass sie den Hinterbliebenen entspricht und ihnen hilft, ihren eigenen Weg im Abschied zu gehen.
Warum Angehörige die Trauerrede nach der Trauerfeier erhalten
Nach der Trauerfeier
schicke ich den Angehörigen die vollständige Trauerrede zu. Für mich ist das selbstverständlich. Die Lebensrede ist ein Unikat, sie gehört nicht in eine Schublade. Sie gehört zu den Menschen, für die sie geschrieben wurde.
Während einer Trauerfeier nehmen viele nur Bruchstücke wahr. Die Emotionen sind stark, die Situation ist außergewöhnlich. Manche erzählen mir später, dass sie sich an einzelne Sätze erinnern, aber nicht an den gesamten Verlauf. Wenn sie die Rede noch einmal in Ruhe lesen, erschließt sich vieles neu. Details werden wieder lebendig. Worte gewinnen an Tiefe.
Gerade in den Wochen nach dem Abschied kann das Lesen der Trauerrede tröstlich sein. Es entsteht eine Form von Verbindung, die bleibt. Eine Tochter schrieb mir einmal, dass sie die Reden für beide Eltern immer wieder liest und sich ihnen dadurch näher fühlt. Solche
Rückmeldungen
berühren mich sehr. Sie zeigen mir, dass eine Trauerrede mehr ist als ein Moment in der Trauerhalle.
Als freie Trauerrednerin ist es mir wichtig, dass die Würdigung eines Lebens nicht mit dem letzten gesprochenen Satz endet. Die Rede darf bleiben. Sie darf ein Dokument sein, das Erinnerungen bewahrt. Und sie darf den Hinterbliebenen helfen, ihren eigenen
Weg der Trauer weiterzugehen.
Vorsorge als Fürsorge und was wirklich entlastet
Am Ende der Podcastfolge habe ich ein Wort besonders betont:
Vorsorge. Nicht aus Kontrollbedürfnis. Sondern aus Fürsorge. Viele Angehörige sitzen mir im Trauergespräch gegenüber und sagen immer wieder,
ich weiß nicht, was er gewollt hätte. Ich weiß nicht, was richtig ist. Diese Unsicherheit ist in einer ohnehin belastenden Situation schwer auszuhalten.
Vorsorge
bedeutet für mich vor allem, Wünsche auszusprechen und sie gemeinsam zu besprechen. Nicht im stillen Kämmerlein Entscheidungen zu treffen, die vermeintlich entlasten sollen. Ich habe erlebt, wie sehr gut gemeinte Festlegungen Hinterbliebene zusätzlich belasten können. Eine Grabart, die nicht passt. Eine Entscheidung, die den Zurückbleibenden innerlich zerreißt. Darum ist es so wichtig, miteinander zu sprechen.
Es geht dabei nicht nur um die Frage Erd oder Feuerbestattung. Es geht auch um die Gestaltung der Trauerfeier. Um Musik. Um Worte. Manche Menschen entscheiden sich sogar für eine
Trauerredenvorsorge
und lassen ihre Lebensrede zu Lebzeiten mit mir erarbeiten. Das nimmt Druck von den Angehörigen. Und es schafft Klarheit.
Zur
Vorsorge
gehört auch das Praktische. Ein geordneter Ordner mit wichtigen Dokumenten. Eine Liste mit Passwörtern. Hinweise darauf, wo Unterlagen zu finden sind. All das klingt nüchtern, ist aber in der Realität eine enorme Entlastung. Denn neben der Trauer kommen Behörden, Verträge, Konten.
Als Trauerrednerin und Trauerbegleiterin erlebe ich immer wieder, wie hilfreich es ist, wenn wenigstens einige Fragen vorab geklärt sind.
Vorsorge
ist kein Ausdruck von Pessimismus. Sie ist ein Zeichen von Verantwortung und Liebe. Sie erleichtert den Hinterbliebenen den ersten Schritt in einer Zeit, die ohnehin schwer genug ist.
Die Podcastfolge zum Nachhören
In dieser Podcastfolge spreche ich ausführlicher über meinen Weg zur freien Trauerrednerin, über die Verantwortung einer Trauerrede und über Situationen, die meine Haltung geprägt haben. Wenn Sie meine Gedanken im Gespräch hören möchten, finden Sie die vollständige Folge hier.


