Trauer bleibt, doch sie wandelt sich
Wie sich die Feiertage mit den Jahren verändern

Vielleicht sitzen Sie gerade vor dem Kalender und sehen, dass Weihnachten in ein paar Wochen ist. Das erste ohne ihn. Und schon der Gedanke daran schnürt Ihnen die Kehle zu. Diese Sorge haben fast alle, die ich in dieser Zeit begleite.
So wird es nicht immer sein. Die ersten
Feiertage
nach dem Verlust sind für fast alle die schwersten. Die
Trauer
bleibt, doch sie wandelt sich, und mit ihr verändern sich auch diese Tage. Langsam, und so unauffällig, dass es kaum jemand bemerkt, während es geschieht.
Das gilt für Weihnachten genauso wie für Ostern, das Zuckerfest oder den Geburtstag Ihres Menschen.
Als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin in der Metropolregion Rhein-Neckar begleite ich manche Menschen über eine lange Strecke. Zu Beginn sitzen sie mir gegenüber und bringen kaum einen Satz heraus. Irgendwann rufen sie an und lachen, noch bevor sie Hallo gesagt haben. Dazwischen liegt viel. Und meistens mehr Gutes, als sie damals für möglich gehalten hätten.
Inhalte
Die ersten Feiertage nach dem Verlust
Warum fühlt sich alles so falsch an? Draußen geht alles seinen gewohnten Gang. Im Treppenhaus hängt der Kranz der Nachbarin, im Supermarkt läuft Weihnachtsmusik, und die Kassiererin wünscht Ihnen schöne
Feiertage. Sie sagen danke. Und sitzen danach im Auto auf dem Parkplatz und können nicht losfahren.
Und dann sind da all die Fragen, ob Sie es schaffen, einen Baum zu kaufen, ihn dann überhaupt aufzustellen, ob Sie die Familie einladen oder absagen. Jede dieser Entscheidungen fühlt sich an, als müssten Sie sie für zwei treffen.
Niemand erwartet, dass diese Tage gelingen, am wenigsten ich.
Viele können sich hinterher kaum an sie erinnern, als hätte jemand einen Schleier darübergelegt. Der Körper schützt sich, so gut er kann. Er lässt nur so viel Schmerz durch, wie Sie gerade tragen können, und das ist gut so.
Wenn Sie in dieser Zeit anrufen, frage ich nicht nach dem Fest. Ich frage, ob Sie schlafen können, ob Sie etwas gegessen haben und wer bei Ihnen war. Alles andere hat Zeit, und manches erzählen Sie mir ohnehin erst Monate später.
Für den Anfang reicht das.
Wenn das zweite Jahr anders schwer ist
Warum ist es diesmal fast schlimmer?
Beim ersten Mal haben alle aufgepasst. Ihr Bruder brachte Essen vorbei, und niemand hat sich gewundert, wenn Sie nicht ans Telefon gegangen sind. Diesmal fragt er, was er mitbringen soll, als wäre alles wieder normal. Und Sie merken, dass es das für ihn auch ist.
Viele trifft das härter als alles davor. Der Schock, der Sie anfangs geschützt hat, ist weg. Sie wissen jetzt, was an diesem Tag auf Sie zukommt, und Sie wissen, dass es bleibt. Dieser Schmerz ist ein anderer als im Jahr davor, aber er ist genauso echt.
Manche nehmen sich vor, diesmal gefasster zu sein, und stehen dann an Heiligabend wieder da, wo sie zwölf Monate vorher standen. Versagt haben sie damit nicht. Es zeigt nur, wie sehr dieser Mensch fehlt, und dass die Liebe zu ihm in einem Jahr nicht kleiner geworden ist.
Wenn mir jemand im zweiten Dezember sagt, es sei schlimmer als im Vorjahr, glaube ich das sofort. Ich höre diesen Satz oft, und fast immer kommt er mit einer Entschuldigung, als müsste es längst besser sein. Dann reden wir darüber, persönlich, am Telefon oder per Videocall, so lange es nötig ist.
Wenn Sie zum ersten Mal wieder lachen
Habe ich gerade wirklich gelacht?
Vielleicht passiert es an Silvester beim Wachsgießen. Die Figur, die ins Wasser plumpst, sieht eindeutig aus wie seine Nase. Ihr Sohn sagt es laut, alle prusten los, und Sie auch, aus dem Bauch heraus. Mitten darin halten Sie inne. Vielleicht ist es auch ganz anders, und der erste richtige Lacher kommt bei einer Serie, allein auf dem Sofa, an einem gewöhnlichen Dienstag.
Für dieses Lachen müssen Sie sich nicht schämen. Ihr Mensch hätte mitgelacht, vermutlich als Erster. Warum sich das
Weiterleben trotzdem manchmal wie ein Verrat anfühlt, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben.
Viele flüstern fast, wenn sie mir von so einem Moment berichten, als hätten sie etwas Verbotenes getan. Dann lache ich mit, über die Nase aus Wachs. Meistens lachen sie gleich noch einmal, und diesmal halten sie nicht inne.
Wann dieses Lachen kommt, ist ganz verschieden. Manchmal nach Wochen, manchmal sehr viel später. Und manchmal schon bei der
Trauerfeier, weil in der
Trauerrede
eine Geschichte vorkommt, über die der Verstorbene selbst am meisten gelacht hätte. In der Halle geht dann ein Raunen durch die Reihen, jemand schnieft und lacht gleichzeitig. Darüber freue ich mich jedes Mal.
Wenn Erinnerungen wärmer werden
Werde ich seine Geschichten irgendwann weitergeben können, ohne dass mir die Stimme wegbricht?
Irgendwann sitzt ein neuer Schwiegersohn mit am Tisch, der ihn nie kennengelernt hat, und fragt, wie er eigentlich war. Sie fangen an mit dem Weihnachtsbaum, der viel zu groß war und nur mit der Spitze voran durch die Balkontür passte, während er drinnen laut kommandierte und draußen der halbe Baum abbrach. Alle lachen. Und Ihre Stimme hält. Später holen Sie ein Foto aus der Schublade, das Sie lange nicht anschauen konnten, und stellen es zurück ins Regal, wo es früher stand.
Lange tut jede
Erinnerung
weh, auch die schönen, vielleicht gerade die. Irgendwann verschiebt sich etwas. Die Geschichte kommt zuerst, und der Schmerz kommt danach, oder er bleibt dieses Mal ganz weg.
Oft sind das dieselben Geschichten, die im
Trauergespräch
überhaupt zum ersten Mal ausgesprochen wurden. Damals mit Tränen und langen Pausen, in denen niemand etwas sagen konnte. Heute kennt jeder in der Familie seinen Einsatz, und einer ruft schon vorher: Jetzt kommt die mit der Balkontür.
Was Sie seitdem gelernt haben
Wie habe ich das eigentlich alles geschafft?
Er hat Ihnen nie gezeigt, wie die Heizung entlüftet wird. Inzwischen machen Sie es selbst, mit einem Video auf YouTube und einem Lappen darunter. Und an Weihnachten fahren Sie allein zu Ihrer Schwester, im Dunkeln, über die Autobahn, die Strecke, die immer er gefahren ist.
Sie sind nicht mehr derselbe Mensch wie vorher. Das ist schwer, und es ist trotzdem etwas, worauf Sie stolz sein können. Sie haben Dinge gelernt, die Sie nie lernen wollten, und Tage überstanden, die Sie für unüberstehbar gehalten haben.
Manches haben Sie auch über sich herausgefunden. Dass Sie Nein sagen können, wenn die Familie zu viel will. Dass Sie an einem
Feiertag
weinen und am nächsten Morgen trotzdem aufstehen. Manche erschrecken, wenn sie merken, wie gut sie inzwischen allein zurechtkommen, als würde das etwas über ihre Liebe sagen. Es sagt nur, dass Sie durchgehalten haben.
Das sage ich den Menschen, die ich begleite, ausdrücklich, weil es ihnen sonst niemand sagt. Die meisten haben es selbst noch gar nicht bemerkt.
Er hätte gestaunt. Und wäre so stolz gewesen.
Weitergehen mit dem, was bleibt
Was bleibt am Ende von all dem?
Die Trauer bleibt. Sie kommt an Feiertagen mit, aber sie bestimmt nicht mehr den ganzen Tag. Am Totensonntag stehen Sie am Grab und erzählen ihm kurz, was sich getan hat. Danach gehen Sie mit Ihrer Freundin Kaffee trinken und reden über ganz andere Dinge, über den Urlaub im Frühjahr oder ihr neues E-Bike. Beides gehört jetzt zu diesem Tag.
Ihr Mensch lebt in dieser Familie weiter, in den Geschichten und in einem Ausdruck, den Ihre Tochter von ihm übernommen hat, ohne es zu merken. Vor ein paar Jahren hätten Sie sich das nicht vorstellen können. Wenn mir Menschen davon erzählen, weiß ich, dass ihr Mensch gut weitergetragen wird.
Manche melden sich nach langer Zeit noch einmal bei mir, vor einem Hochzeitstag oder einem runden Geburtstag. Für
Trauerbegleitung
ist es nie zu spät. Und wenn Sie ganz am Anfang stehen, die Trauerfeier noch vor sich, schreibe ich die Trauerrede für Ihren Menschen, mit den Geschichten, die Sie irgendwann lachend weitergeben werden.
Rufen Sie an. Ich bin für Familien in
Ludwigshafen,
Mannheim, Heidelberg, Neustadt an der Weinstraße und in der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar da.
So wie beim ersten Mal bleibt es nicht.


