Trauer um Sternenkinder an Feiertagen

Patricia Rind

Wenn Ihr Kind an den Feiertagen fehlt

Fotoalbum mit der Beschriftung

Wie alt wäre sie jetzt?

Vielleicht stehen Sie im Advent in der Drogerie, eigentlich nur wegen Zahnpasta, und da hängt ein winziger Strampler mit einem Rentier darauf und der Aufschrift „Mein erstes Weihnachten“. Sie stehen davor, die Zahnpasta in der Hand, und kommen nicht weiter. Es wäre ihr erstes Weihnachten gewesen.

Andere sehen an solchen Tagen einen Strampler. Sie sehen Ihr Kind. Die Fotos, die Sie gemacht hätten. Die Oma, die es nicht mehr hätte hergeben wollen. Mit diesem Schmerz übertreiben Sie nicht, und seltsam ist er auch nicht. Sie sind Mutter, Sie sind Vater, und Ihr Kind ist gestorben, ob nach 10 Wochen Schwangerschaft oder nach ein paar Stunden in Ihren Armen. An Feiertagen fehlt es Ihnen so sehr, dass es kaum auszuhalten ist.

Weihnachten ist dabei nur einer dieser Tage. Da ist Sankt Martin, wenn draußen die Kinder mit ihren Laternen vorbeiziehen und Sie hinter der Gardine stehen. Da ist der Muttertag, an dem Ihnen niemand gratuliert, weil sich niemand traut. Und da ist der Tag, an dem Ihr Kind hätte kommen sollen. Er steht in keinem Kalender. Nur in Ihrem.

Als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin in der Metropolregion Rhein-Neckar sitze ich manchmal mit Eltern zusammen, die so ein Kind verloren haben. Ich frage dann nach allem. Wie Sie es erfahren haben. Ob Sie schon einen Namen hatten. Ob der Kinderwagen bereits gekauft war und welchen sie sich ausgesucht hatten. Ob das Kinderzimmer schon gestrichen war, und in welcher Farbe. Viele schauen mich überrascht an, weil sie das noch nie jemand gefragt hat. Und dann erzählen sie. Wenn Ihr Kind einen Namen hat, spreche ich ihn aus, so oft Sie möchten.


Inhalte


  1. Ein Kind, das zu Ihrer Familie gehört
  2. Zwischen Rückzug und Familienbesuch
  3. Ein Licht für Ihr Kind
  4. Wenn gut gemeinte Sätze wehtun
  5. Wenn das Handy noch von der Schwangerschaft weiß
  6. Ein Blick nach vorn, ohne Ihr Kind zu vergessen

Ein Kind, das zu Ihrer Familie gehört


Zählt mein Kind überhaupt, wenn es kaum jemand gekannt hat?

Unter dem Baum stellen sich alle für das Familienfoto auf. Der Selbstauslöser blinkt, alle rücken zusammen, jemand ruft „Lächeln!“, und Sie lächeln. Und denken: Jemand fehlt. Auf dem Bild wird das später niemand sehen. Sie schon. Jedes Mal.

Ihr Kind zählt. Es hat gezählt, seit Sie von ihm wussten. Seit Sie zum ersten Mal den Herzschlag auf dem Bildschirm gesehen und sich dabei an der Hand gehalten haben. Für den Freundeskreis und die Verwandtschaft ist es oft nach ein paar Wochen kein Thema mehr. Niemand fragt, niemand sagt den Namen, und an Weihnachten tun alle so, als wäre es ein ganz normales Jahr gewesen. Für Sie war es das nicht.

Wenn ich eine
Trauerrede für ein Sternenkind schreibe, kommt dieses Kind darin so vor, wie Sie es kennen. Mit seinem Namen, mit den Wochen des Wartens, mit allem, was Sie sich für es ausgemalt hatten. Es ist Ihr Kind, und so spreche ich auch von ihm.

Und dann fragt die große Schwester, 5 Jahre alt, mitten beim Essen, ob ihr Bruder im Himmel auch Geschenke bekommt. Alle am Tisch werden still. Die Oma legt die Gabel hin. Für die Kleine gehört ihr Bruder ganz selbstverständlich dazu.

Sie hat recht.

Zwischen Rückzug und Familienbesuch


Muss ich wirklich hin, wenn meine Schwägerin mit ihrem Neugeborenen kommt?

Vielleicht freuen Sie sich sogar für sie. Ehrlich. Und trotzdem liegen Sie nachts wach und sehen schon vor sich, wie sich alle über den Kinderwagen beugen und irgendwer fragt: Willst du sie mal halten?

Sie müssen nicht hin. Und wenn Sie hingehen, können Sie nach einer Stunde, oder einer halben, wieder gehen, ohne sich zu entschuldigen. Wenn Sie das Baby nicht auf den Arm nehmen können, ist das keine Unhöflichkeit. Es ist einfach noch zu früh. Viele Eltern weihen vorher einen einzigen Menschen ein, die Schwester oder den besten Freund, der dann im richtigen Moment Ihren Mantel holt und mit Ihnen zur Tür geht.

Und die Väter. Nach ihnen fragt an solchen Tagen meist kaum jemand. Alle wollen wissen, wie es seiner Partnerin geht. Dabei hat auch er sein Kind verloren, und auch er sitzt an diesem Abend da und schneidet den Braten, als ginge es irgendwie. Im Gespräch frage ich die Väter deshalb immer auch selbst. Manche brauchen eine Weile, bis sie antworten. Dann kommt es, und oft kommt viel.

Manchmal reicht an diesem Abend eine Hand, die unter dem Tisch Ihre drückt, wenn das Baby zu weinen anfängt.

Ein Licht für Ihr Kind


Wie kann ich an mein Kind denken, ohne dass gleich alle betreten zu Boden schauen?

Oft reicht ein einziges Licht. Eine Kerze im Fenster, die niemand erklären muss. Und an einem Abend im Dezember sind Sie damit nicht allein.

Am zweiten Sonntag im Dezember ist der Weltgedenktag für verstorbene Kinder, in diesem Jahr am 13. Dezember. Um 19 Uhr stellen Eltern auf der ganzen Welt eine Kerze ins Fenster, jeweils in ihrer Zeitzone, sodass 24 Stunden lang irgendwo ein Licht für ein Kind brennt. Wenn Sie an diesem Abend aus dem Fenster schauen, sehen Sie vielleicht gegenüber noch eines. Dann wissen Sie: Dort sitzt auch jemand. Viele teilen ein Foto ihrer Kerze in den sozialen Netzwerken, und unter ihrem Bild sammeln sich Herzen von Menschen, die sie nie getroffen haben.

Andere hängen jedes Jahr eine Kugel mit dem Namen ihres Kindes an den Weihnachtsbaum. Die Geschwister wissen genau, welche das ist, und bestehen darauf, sie selbst aufzuhängen. Ganz oben, wo sie jeder sieht.

Und wenn Ihnen ein Licht in diesem Jahr zu viel ist, lassen Sie es. Ihr Kind gehört trotzdem zu Ihnen.

Wenn gut gemeinte Sätze wehtun


Warum trifft mich ein einziger Satz beim Weihnachtsessen den ganzen Abend?

„Nächstes Weihnachten klappt es bestimmt.“ „Ihr habt doch schon ein Kind.“ „Sei froh, dass es so früh passiert ist.“ Gesagt zwischen Braten und Nachtisch, freundlich, mit einer Hand auf Ihrem Arm. Sie lächeln. Sie nicken. Und auf dem Heimweg im Auto weinen Sie. Oder schreien vor Wut. Oder beides gleichzeitig.

Böse gemeint sind solche Sätze fast nie. Die meisten, die sie sagen, wissen schlicht nicht, wie sie mit Eltern von
Sternenkindern umgehen sollen, und haben Angst vor Ihren Tränen. Trotzdem machen diese Sätze Ihr Kind kleiner, als es ist. Das hat es nicht verdient, und Sie auch nicht.

Was Eltern sich an
Feiertagen von ihrer Familie und ihren Freunden wünschen, ist meistens erstaunlich wenig. Dass jemand nach dem Namen ihres Sternenkindes fragt. Dass jemand ihn ausspricht. Dass die Oma beim Anstoßen ihr Glas ein bisschen höher hebt und sagt: Und auf ihn.

Viele Eltern wissen Jahre später noch genau, wer an diesem ersten Weihnachten den Namen gesagt hat.

Wenn das Handy noch von der Schwangerschaft weiß

Warum zeigt mir mein Handy immer noch Babysachen?

Sie sitzen in der Straßenbahn, und das Handy vibriert. Die Schwangerschafts-App gratuliert: Ihr Baby ist jetzt so groß wie eine Honigmelone. In den sozialen Netzwerken kommt Werbung für Kinderwagen und Stillkissen. Und im Dezember posten Bekannte ihr Ultraschallbild unter dem Weihnachtsbaum, darunter der Satz: Nächstes Jahr sind wir zu dritt.

Das Handy weiß nicht, was passiert ist. Es rechnet einfach weiter mit dem Termin, den Sie einmal voller Freude eingegeben haben. Im Januar stellt die Foto-App dann vielleicht ungefragt einen Jahresrückblick zusammen, und eines der ersten Bilder ist das Ultraschallbild aus dem Frühjahr.

Manche löschen die App noch am selben Tag. Andere bringen es monatelang nicht über sich, weil sie das Letzte ist, das noch mit ihrem Kind rechnet. Beides verstehe ich gut.

Wenn Sie mir davon erzählen, klingt es vielleicht klein. Es ist nicht klein. Für viele Eltern sind genau diese Momente das Schwerste an den Wochen um
Weihnachten, weil sie aus dem Nichts kommen, mitten in der Straßenbahn oder abends im Bett.

Ein Blick nach vorn, ohne Ihr Kind zu vergessen


Verrate ich mein Kind, wenn ich mich irgendwann wieder auf Weihnachten freue?

Nein. Vielleicht ertappen Sie sich in ein paar Jahren beim Baumschmücken dabei, dass Sie lachen, über die Lichterkette, die sich wie jedes Jahr verheddert hat. Und dann holen Sie die Kugel mit seinem Namen aus der Schachtel und hängen sie auf, ganz oben, wie immer. Ihr Kind ist dabei.

Vielleicht ist irgendwann wieder ein Kind in Ihrer Familie. Es ersetzt Ihr Sternenkind nicht. Es kommt dazu. Und eines Tages wird es vor dem Baum stehen und fragen, wessen Name auf der Kugel steht.

Wenn Sie eine
Trauerrede für Ihr Sternenkind brauchen oder jemanden, der mit Ihnen über Ihr Kind spricht, ohne das Thema zu wechseln, rufen Sie an. Die Trauerbegleitung geht persönlich, am Telefon oder per Videocall. Ich bin für Eltern in Ludwigshafen, Mannheim, Heidelberg, Speyer und in der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar da. Austausch mit anderen Eltern, die dasselbe erlebt haben, finden Sie außerdem beim Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland, kurz VEID.

Sie haben ein Kind. Jeden Tag. Auch an
Weihnachten.

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